Der Wille, die Idee und das Glück / 1

Simona drückte ihrem Mann Frank die gemeinsame Tochter auf. „Es ist einfach alles so schwierig.“, schluchzte sie und versuchte sich ihre Tränen aus den Augen zu wischen. Für ein paar Meter spazierten sie stumm nebeneinander her, nur ihre Tochter Elisa gluckste fröhlich vor sich hin. Sie befanden sich in einem Naturpark, unweit des Stadtzentrums indem sie wohnten. Es war eine Flucht in die Natur, ohne Smartphone und Laptop, ohne dem üblichen Kampf ums Überleben.
Elisa war ein lebhaftes Kind und es war nicht immer einfach mit der Kleinen fertig zu werden. Die Familien der beiden lebten zu weit weg, als das sie eine aktive Hilfe darstellen konnten und so kämpften sich Simona und Frank gemeinsam durch den Alltag. Ab und zu war es Simona jedoch zu viel und sie brach in Tränen aus, wie auch an diesem Nachmittag.
Die Vögel zwitscherten und die Blätter der Bäume verfärbten sich allmählich in ein tiefes Rot und ein warmes Gelb. Der Herbst war gekommen und schon bald würde die feuchte Kälte auf das Gemüt schlagen. Elisa spielte mit dem heruntergefallenen Laub und war ganz in ihre unschuldige Welt versunken. Simona beobachtete abwesend ihre kleine Tochter beim Spielen. Sie wollte ihr eine gute Zukunft bieten können und all das geben, was sie zum Leben brauchte, doch ihre Situation war nicht die beste. Es gab keine Arbeit. Die Krise hatte ihre Spuren hinterlassen. Die Situation am Arbeitsmarkt war trostlos, wie ein grauer, kalter Wintertag im Dezember und dennoch mussten sie sehen, wie sie vorankamen. Frank versuchte die kleine Familie als Musiker über Wasser zu halten. Er hatte in seinen jüngeren Jahren, gegen seine Überzeugungen, das Konservatorium absolviert. Er wusste, dass es nicht einfach werden würde, sich damit über Wasser halten zu können, denn die Musikbranche war ein hartes Pflaster und nicht all zu selten half es, wenn man ein Vitamin B besaß. Für einige Jahre verdiente er sein Geld als Musiklehrer in einer Privatschule, doch auch dort ist die Krise schon zu spüren. Die Schüler blieben aus und somit gab es fast nichts mehr für ihn zu tun. Ab dem nächsten Monat würde er ohne Job dastehen und trotzdem seine Familie ernähren müssen. Simona kam aus der Tourismusbranche. Eigentlich dachte sie, dass der Tourismus immer funktionieren würde, doch als Mutter war sie ziemlich unflexibel und konnte nicht von einem Ort zum nächsten reisen. Ihr Literaturstudium hatte sie geschmissen, nachdem sie erfuhr, dass sie schwanger war. Sie konnten es sich nicht leisten beides zu finanzieren – Kind und Universität. Einige wenige Rücklagen hatten sie noch, doch diese reichten nicht ewig. Nicht einmal für drei Monate, wenn sie nicht sparsam damit umgingen.
Als sie sich der Natur hingaben und die kühle Luft in ihren Lungen Einzug erhielt, versuchten sie sich aufzumuntern und das Positive an der Situation zu sehen. „Weißt du Simona. Wir fragten uns immer, wann es der richtige Zeintpunkt wäre das zu tun, was wir schon immer wollten. Ich meine, ich möchte meine eigenen Projekte vorantreiben und du, du könntest dich deiner Leidenschaft – der Literatur – widmen. Was haben wir denn noch zu verlieren?“ Simona dachte über Franks plötzlichen Euphorieausbruch nach und fand, dass er gar nicht so unrecht damit hatte. „Es kümmert sich niemand um uns. Ich meine, wir müssen zusehen unseren Lebensunterhalt zu verdienen und wenn wir schon ohne Festanstellung sind, dann starten wir doch unsere Projekte. Es wird nicht einfach werden, aber wenn wir den Schritt nicht wagen, dann wissen wir nie, was aus unseren Träumen werden könnte.“ Nach den letzten Wochen, in denen es nur schlechte Nachrichten hagelte, fühlte sich Simona zum ersten Mal wieder beflügelt. Mit neuer Energie packten sie Elisa und spazierten lachend zum Auto zurück.
Mit tausenden Ideen im Kopf, setzte Simona Elisa auf den Rücksitz. Sie bemerkten erst gar nicht, dass etwas nicht stimmte. Als Simona ihrer Tochter die Wasserflasche aus der Windeltasche geben wollte, konnte sie die Tasche erst gar nicht finden. „Ach du Scheiße!“, schrie Frank. „Das darf doch nicht wahr sein. Mist, Mist, Mist!“ Frank schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn und bewegte sich einen Schritt vom Auto weg. Simona verstand im ersten Moment gar nicht was los war. Sie sah ihren Mann und dann das Auto an und plötzlich schien sich der Boden unter ihren Füßen zu bewegen. „Nein, das darf nicht wahr sein!“ Völlig unter Schock, versuchten Simona und Frank die Fassung zu bewahren. „Alles weg! Ich glaubs nicht.“ Den Tränen nahe hielt sich Simona an der Autotür fest. Ihr ganzes Hab und Gut war weg. Gestohlen, von einem Moment auf den anderen. Frank musste nach dem Spaziergang zur Schule, um einige Privatstunden zu halten, also brachte er sein ganzes Gitarrenequipment mit sich. Doch nun war nichts mehr vorhanden. Gitarre, Lautsprecher und Kabel, im Wert von 2000 Euro, alles weg. „Was sollen wir jetzt nur tun? Wir haben kein Geld um neues Equipment zu kaufen. Wie soll ich nun meine Projekte vorantreiben? Es ist alles aus.“ Kraftlos sank Frank auf den Fahrersitz und stützte seinen Kopf am Lenkrad ab. Simona fehlten ebenso die Worte, denn gerade hatten sie hohe Ausgaben gehabt, um ihren alten Wagen, einen 97er Opel Corsa, reparieren zu lassen. Es war zum Verzweifeln. Frank musste einen klaren Gedanken fassen, doch das war nicht einfach, denn am Rücksitz begann sich Elisa allmählich zu beschweren. Sie weinte und kreischte und nichts konnte sie beruhigen und doch mussten sie sich zuerst um die gestohlen Dinge kümmern. Frank startete das Auto und deutete Simona sich hin den Wagen zu setzen. Mit großer Wut im Bauch fuhr er los und nahm die Straße zum Polizeipresidium, um eine Anzeige zu machen. Er wusste, dass es nicht viel bringen würde, doch immerhin war es im Moment das einzige, was er tun konnte.
Sie waren nicht die einzigen am Kommisariat, die eine Anzeige wegen Diebstahls aufgeben wollten. Fünf Personen hatten bereits eine gemacht und nun wartete der sechste, dass er an die Reihe kam. Der Mann war mitte fünfzig und schien mindestens so verzweifelt wie Frank und Simona zu sein. Er trug Sportkleidung und telefonierte gerade mit seiner Frau. „Sperr‘ die Tür zu und verriegel sie mit der Kette. Sie haben auch meinen Schlüssel mitgenommen. Ich bin so schnell ich kann bei dir.“ Als er aufgelegt hatte, sank er kraftlos auf den Stuhl, der im Wartezimmer neben der Bürotür platziert war. „Hatten Sie ihr Auto auch beim Naturpark geparkt?“, fragte Frank neurgierig. „Ja, ich geh dort drei Mal die Woche Joggen und noch nie ist mir so etwas passiert. Sie haben meine Geldbörse mit allen Bankverbindungen und meinen Wohnungsschlüssel gestohlen. Ich kanns einfach nicht glauben.“
Nach einer halben Stunde Wartezeit, öffnete sich endlich die Bürotür. Ein hochgewachsener Mann, mitte vierzig, in Polizeiuniform stand in der Tür und sah zu Frank und seiner Familie hinüber. „Sind sie auch wegen einer Diebstahlsanzeige hier?“, fragte der Beamte sichtlich genervt. „Ja.“ „Dann kommen sie bitte.“ Das Büro war einfach gehalten und mit Möbeln aus den 70ern möbliert. Der Computer schien ebenso ein Relikt aus vergangen Tagen zu sein. Soviel zu den Steuergeldern. Hier flossen sie wohl nicht ein. Simona und Frank nahmen vor dem Schreibtisch platz. Elisa war bereits in den Armen ihrer Mutter eingeschlafen. Gott sei Dank. Noch mehr Stress konnten sie nun wirklich nicht gebrauchen. Frank erzählte alles was er wusste und beschrieb haargenau das Aussehen seiner Gitarre. „Wissen sie, die Leute können diese nicht einmal gut verkaufen. Wer würde denn auf so einer modifizierten Gitarre spielen? Die Gitarre war einmal eine Klassische, doch nun hat sie eine siebente Basssaite und ist verstärkt. Hier ich hab auch ein Foto. Sie ist schon ziemlich abegnutzt, weil das eigentlich mein Arbeitsgerät war. Ich weiß gar nicht was ich jetzt machen soll.“ „Sie hätten nichts im Auto lassen sollen. Soviel dazu, aber wenn ich Sie damit beruhigen kann, Sie sind nicht der einzige, dem es heute so erging.“ „Ja danke, das hilft wirklich.“, antwortere Frank sarkastisch. Immer wieder rutschte er nervös auf dem Stuhl hin und her. Er versuchte sich zu beruhigen, doch seine Existenz hing am seidenen Faden. „Herr Winter, wir werden dem natürlich nachgehen und sollten wir etwas finden, werden wir uns mit Ihnen in Verbindung setzen. Eine Sache könnten Sie jedoch noch tun. Sehen Sie sich die Onlineanzeigen an. Ab und zu werden gestohlene Dinge auf diversen Seiten verkauft. Vielleicht haben Sie ja Glück.“ Damit verabschiedete sich die Familie und ging wortlos zu ihrem Auto zurück.

Die finanzielle Situation schien aus dem Ruder zu laufen. Nicht einmal wenn sie wollten, konnten sie irgendeinem Job nachgehen. Es gab nichts. Zig Lebensläufe hatte Simona weggeschickt. Sie hatte sich  unteranderem als Putzfrau oder Abwäscherin beworben, aber nichts. Es war nun wirklich Zeit, sich auf sich selber zu konzentrieren, um aus dieser Situation zu entkommen. Den Kopf in den Sand zu stecken half wohl nichts und mit einem Kind an der Seite kam das schon gar nicht in Frage. Frank war am Boden zerstört. So kannte Simona ihren Mann eigentlich nicht. Sie hatte keine Ahnung, wie es nun weiter gehen sollte, doch sie wusste, dass nicht beide den Kopf hängen lassen konnten. Er war immer für sie da gewesen. Wenn sie verzweifelt war, hatte er alles daran gesetzt, die Situation zu verbessern. Nun lag es an ihr. Irgendwo musste man ja beginnen, also brachte sie Elisa für ihr Nachmittagsschläfchen ins Bett und suchte dann alles zusammen, was sie nicht mehr brauchten, um es verkaufen zu können. „Wenigstens kann man so ein paar Euro dazu verdienen. Die Kleine braucht frisches Obst und Gemüse. Sobald das Zeug verkauft ist, holen wir einen schönen Einkaufskorb voll Lebensmittel. Wir essen einfach weniger, dass Elisa genug hat. Immerhin sind wir schon ausgewachsen.“ Simona ging an Frank vorbei und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und verschwand im Wohnzimmer. „Wir machen das Schatz. Lass jetzt bloß den Kopf nicht hängen.“ „Ja, wenn du das sagst. Aber so in Not sind wir auch nicht, dass wir Diät halten müssen.“, murmelte er vor sich hin und war froh, dass wenigstens einer von beiden nicht gewillt war aufzugeben.
Die folgenden Wochen waren ein harter Kampf. Neben der Eigenrecherche, um das gestohlene Zeug zurück zu bekommen, kümmerten sich Frank und Simona um ihre Tochter und den Haushalt und versuchten zu Elisas Schlafenszeiten verschiedene Einkommensquellen zu starten. Frank stürtzte sich in seine Welt der Komposition und versuchte an seine frühere Leidenschaft anzuknüpfen, während Simona ihren Traum als Schriftstellerin verwirklichen wollte. Es war eine Utopie zu glauben, dass sie nun in kürzerster Zeit all ihre Probleme lösen konnte und doch fühlte sie sich in ihrem Gefühl bestärkt, sich hinzusetzen und etwas zu kreiren, das sie glücklicht machte. Wenn schon die Realität nicht das war, was sie sich vom Leben erwartet hatte, dann würde es für sie einen anderen Weg geben, dieses Glück zu erreichen…
FORTSETZUNG FOLGT

Rache

Simone und Erik hatten sich während einer Schulreise im Ausland kennen gelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Simone war von dem exotischen Exemplar von Mann überwältigt. Erik flirtete sofort mit ihr und er gab ihr seine ganze Aufmerksamkeit. Simone liebte das. Eriks dunkelbraune Augen brachten sie um den Verstand und sie wusste, vom ersten Augenblick, dass sie ihn haben wollte. Wenn Simone nicht gerade in der Austauschschule war, verbrachte sie jede freie Minute mit Erik und ihren Freundinnen. Nach und nach lernte sie seine Freunde kennen. Ihre freien Tage verbrachte sie zusammen mit den anderen am Strand und abends besuchten sie diverse Lokale, um etwas abfeiern zu können. Als die Abreise bevorstand, waren Erik und Simone sichtlich bedrückt. „Ich habe mich in dich verliebt Erik.“, sagte Simone mit Tränen in den Augen. „Dass es so weh tun würde, dachte ich anfangs nicht. Doch nun abreisen zu müssen, reißt mir das Herz aus der Brust.“ Erik umarmte Simone innig und flüsterte ihr honigsüße Worte ins Ohr. „Ich werde dich nie vergessen, meine Kleine. Auch ich habe dich sehr liebgewonnen und wer weiß was eines Tages sein wird.“ Noch eine zärtliche Umarmung und ein inniger Kuss und dann war er um die Ecke verschwunden. Simone stand im fahlen Licht einer Straßenlaterne und sah in die Richtung, in die Erik gegangen war. Ein Tränenschleier vernebelte ihr die Sicht und ihre Knie zitterten leicht. Simone hatte Schwierigkeiten sich auf den Beinen zu halten und doch nahm sie sich zusammen und ging langsam in die Unterkunft zurück. In dieser Nacht machte sie kein Auge zu, obwohl sie am nächsten Tag eine anstrengende Reise vor sich hatte. Stattdessen schwor sie sich, eines Tages zurück zu kommen und um ihre Liebe zu kämpfen.

„Hey Sis.“ „Was gibt’s?“, sagte Simones jüngere Schwester Daniela. „Kannst du dich noch erinnern, als ich diesen Typen kennen gelernt habe?“ „Ehm, nein. Um wen handelt es sich genau?“ Daniela streckte ihrer Schwester die Zunge entgegen. „Haha sehr witzig. Ich meine den Kerl, den ich vor zwei Jahren während des Auslandsaufenthaltes kennen gelernt habe. Na ja, ich wollte dich fragen, ob du mit mir vielleicht für ein paar Tage dort hin fährst, um ihn zu überraschen. Alleine traue ich mich nicht.“ „Wann? Dieses Wochenende? Da ist doch Halloween.“ „Ja, und ein verlängertes Wochenende sozusagen. Somit können wir schon Morgen zeitig in der Früh abreisen.“ „Roadtrip was?“. Daniela lachte und stimmte zu. „Ein verlängertes Wochenende zum Abschalten. Das würde mir jetzt gut bekommen.“ Die beiden Schwestern packten ihre Sachen und wollten früh zu Bett gehen, um vor Sonnenaufgang los fahren zu können.
„Es ist aber ordentlich frisch heute Morgen.“, sagte Simone und rieb ihre Hände aneinander. „Das kannst du laut sagen. Hast du alles? Dann können wir ja los. Aber weißt du überhaupt, wo wir hin müssen?“ „Ja, Schwesterchen. Hier ist alles auf dem Zettel notiert. Nimm!“ Die beiden fuhren los und konnten es kaum erwarten, dieses Jahr Halloween an einem anderen Ort zu feiern. Sie wusste nicht, wie Erik reagieren würde. Zwei Jahre waren mittlerweile vergangen, als sie sich das letzte Mal sahen. Eriks Freund Rick, mit dem sie ab und zu Kontakt hielt, sollte ihn zum vereinbarten Ort bringen und er würde in der Zwischenzeit ihrer kleinen Schwester Gesellschaft leisten. ‚Das war perfekt!‘, dachte Simone und machte es sich im Auto bequem. „Ich bin schon so gespannt was da raus kommt. Echt jetzt. Ich habe Erik nichts gesagt. Ich hoffe er bekommt keinen Schock.“
Die Autofahrt dauerte 7 Stunden und als Daniela und Simone endlich am Zielort angekommen waren, mussten sie sich zuerst einmal die Beine vertreten. „Wir sind da. Endlich.“, sagte Daniela. „Aber wo ist das Hotel? Ich muss schon so dringend aufs Klo. Bei den Raststationen kann ja kein Mensch gehen, ohne sich gleich irgendeine Krankheit einzufangen.“ „Ach jetzt übertreibst du aber. Lass mich mal sehen. Ich glaube, das Gebäude dort an der Straßenecke ist unser Hotel. Es war im gotischen Stil erbaut und wirkte von außen sehr einladend. Eine Allee führte die Auffahrt entlang und die dahinterliegende Wiese wirkte sehr gepflegt. „Das sieht ja schon mal Schick aus. Meinst du nicht auch? Ich denke aber, wir können ruhig mit dem Auto bis vor das Hotel fahren. Die werden doch auch Parkplätze für ihre Gäste haben.“ Während Daniela sich schnell in einer Bar erleichterte, schrieb Simone eine Kurznachricht an Rick. „Sind angekommen. Hoffe du kannst alles Regeln. Vergiss nicht dicht zu halten. Es soll eine Überraschung werden. Sagen wir in zwei Stunden in der Bar hier in der Trap Street?“ Simone musste nicht lange auf die Antwort warten und war froh, dass sie positiv ausfiel. Sie war nervös und fühlte sich wie ein kleines verliebtes Schulmädchen. Hoffentlich klappt alles!, dachte sie. „So, Schwesterherz. Auf geht’s.“ Daniela sah ihre Schwester von der Seite an und musste lachen. „Entspann dich, sonst wird das nichts mit einem ausgelassenen Wochenende.“ „Ich bin entspannt.“, antwortete sie schnell und startete das Auto.
Simone schwang sich unter die Dusche und begann alle wichtigen Stellen ihres Körpers zu rasieren – man wusste ja nie. Sie wusch sich ihre langen, rot gefärbten Haare und gönnte sich ein Bodypeeling aus Jasminblüten. Sie wollte auf jeden Fall gut vorbereitet sein, wenn sie Erik gegenüber stand. „Nun die Qual der Wahl.“, sagte Simone, eher zu sich selber, als zu ihrer Schwester. Ihre Schwester machte sich nicht viel aus Mode und Make up und deshalb bat sie sie erst gar nicht um Hilfe. Es war ziemlich kalt, so wie jedes Jahr zu Halloween. Auch heuer ließ der Frost nicht zu lange auf sich warten. Simone entschied sich für ein rabenschwarzes Strickkleid mit Baumwollstrumpfhosen und schwarzen Keilabsatzstiefeln. Sie konnte es nicht lassen. Schwarz machte sie unglaublich an. Der Kontrast zu ihren roten Haaren war einfach unwiderstehlich, fand sie.

Zur vereinbarten Uhrzeit befanden sich die beiden Schwestern vor der Bar, in der Trap Street und warteten auf Erik und Rick. Die beiden waren noch nicht da und so sahen sie sich ein bisschen in der Gegend um. Dieses Fleckchen Erde hier schien nicht all zu viele Einwohner zu haben. Es war leicht abgelegen und von einer üppigen Natur geprägt. Simone konnte sich gar nicht mehr so genau an den Ort erinnern. Sie schien damals nur Augen für Erik gehabt zu haben. Dichte, hochgewachsene Bäume prägten das Landschaftsbild. Die Häuser in den Straßen hatten großteils verriegelte Fenster, sodass man nicht hinein sehen konnte und auch nicht erkennen konnte, ob eine Familie zuhause war oder nicht. Sehr charakteristisch, wie die beiden Schwestern meinten. Als sie weiter das Dorf erkunden wollten, bemerkte Simone zwei junge Männer auf der anderen Straßenseite. „Du, Daniela. Das sind sie. Oh mein Gott. Ich flippe aus. Was soll ich nur tun. Wir müssen hier verschwinden.“ Als Simone gerade abhauen wollte, packte sie Daniela an der Schulter und zog sie näher zu sich. „Du bleibst schön hier. Du hast gesagt, dass wir ein Wochenende hier verbringen werden und das machen wir jetzt auch. Hey, was kümmert’s dich, wenn’s nichts wird? Wir können uns immer noch zu zweit einen Spaß machen.“ „Du hast recht. Na gut. Ich bleibe.“ Simone atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Als die beiden Jungs auf sie zu kamen, erkannte sie Erik sofort. Er war der hochgewachsene, gut aussehende, dunkelhaarige Adonis. Wie konnte sie ihn nur vergessen? Gar nicht. Sofort fühlte sie sich wie vor zwei Jahren, als ihr Körper sich nach dem seinen sehnte. Das war heute nicht anders. „Entspann dich!“, säuselte ihr Daniela ins Ohr. „Ich versuch es ja!“, zischte sie zurück. Rick begrüßte die beiden Schwestern herzlich und stellte sich bei Daniela selbst vor. Er war etwas kleiner als Erik und rundlicher, aber sehr sympathisch. Daniela hatte sowieso nichts für Männer übrig, somit würden sie schon gut miteinander klar kommen. Nach einem kurzen Wortwechsel gingen Rick und Daniela in die kleine Bar und ließen die anderen beiden zurück. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Nur Erik und Simone standen auf dem Gehsteig und sahen sich an. Verlegen spielte Simone mit einer Haarsträhne und suchte nach den richtigen Worten. „Erik…Überraschung.“ Ein zaghaftes Lächeln blitzte über ihre Lippen. Erik sah sie einfach nur an. Sein Blick durchbohrte sie regelrecht und er nach einer Weile immer noch nichts sagte, war sie den Tränen nahe. Auf einmal fühlte sie sich der Sache nicht mehr so sicher und wollte im Erdboden verschwinden. „Ich dachte, ich überrasche dich und komme dich besuchen. Ich…ich hab nicht weiter darüber nachgedacht. Ich dachte, du würdest dich auch freuen mich wieder zu sehen. Ich hab mich wohl getäuscht.“ Als Simone sich umdrehte und weggehen wollte, packte sie Eriks Hand an der Schulter und drehte sie zu sich um. „Geh nicht Simone.“ Seine tiefe Stimme ging ihr durch Mark und Bein und sie blieb wie angewurzelt stehen. Sie drehte sich zu Erik um und sah ihn an. „Es freut mich dich zu sehen. Es ist nur…ich habe dich nicht erwartet.“ „Schon klar. Du hast eine Freundin und willst keinen Ärger mit ihr. Aber ich bin ohne Absichten gekommen. Ich wollte dich einfach nur besuchen.“ Simone konnte den Ausdruck in seinen Augen nicht deuten. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken und sie wusste nicht, ob das von der Kälte, oder von Eriks Blick kam. „Es tut mir leid, wenn ich dich in eine blöde Situation gebracht habe. Ich glaube, es wäre besser, wenn ich jetzt gehe.“ Bevor sie sich umdrehen konnte, kam Erik einen Schritt auf sie zu, nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und küsste sie so, als wäre es das letzte Mal gewesen. In dem Kuss lagen Wärme und Zuneigung, doch Simone spürte noch etwas anderes – Unsicherheit. Erik war verändert, aber sie konnte nicht deuten woran es lag. Vielleicht war ihre Erinnerung einfach nur vernebelt. Trotz, oder gerade wegen des Kusses, fühlte sie sich verletzt. Simone hatte sich mehr Freude erwartet. Erik umgab eine mystische und eigenartige Aura. Ab und zu drehte er sich um, so als ob er Angst hätte, dass sie jemand sehen konnte. „Gehen wir zu den anderen beiden in die Bar!“, sagte er nach einem Moment des Schweigens. Es war mehr ein Befehl, als eine Frage.

In der Bar war es schön warm und überall hingen Skelette und Kürbisfratzen herum. Sie war einladend gestaltet und nicht ungewöhnlich, da hier am Abend eine Halloween Feier stattfand. Es war noch früh, deshalb befanden sich nur der Kellner und der Koch plaudernd hinter dem Tresen. Viel Arbeit war ja noch nicht zu erledigen. Die Vorbereitungen schienen abgeschlossen zu sein und Rick und Daniela hatten sich schon ihre Getränke bestellt. In einer Ecke unterhielten sie sich angeregt. Über was, das konnte Simone nicht hören, aber sie war froh, dass sich ihre Schwester nicht langweilte. Sie wusste nur zu gut, wie nervig sie sein konnte, wenn es etwas gab, dass ihr nicht gefiel. Als sie sich dem Tisch der beiden näherten, sahen sich Rick und Erik einen Moment lang still an. Simone schenkte dem nicht viel Aufmerksamkeit, denn sie wollte dringend mit ihrer Schwester sprechen. „Weißt du, wo hier die Toilette ist. Ich muss mal.“ Sie drängte ihre Schwester schneller zu gehen und stieß sie hastig in die Tür. „Es war ein Fehler hier her zu kommen Sis. Es ist die reinste Katastrophe.“ „Jetzt beruhige dich mal. Was ist denn passiert?“ „Ich weiß nicht. Nichts. Es ist einfach nur komisch. Findest du nicht auch?“ „Nein, im Gegenteil. Rick ist recht amüsant.“ „Schön für dich. Ich hingegen bin einer Illusion gefolgt. Ich weiß nicht wie ich mit Erik reden soll und er scheint auch nicht so gesprächig zu sein, wie ich es eigentlich in Erinnerung hatte. Wenn wir nicht so weit fahren müssten, würde ich ins Auto springen und davon flitzen. Irgendetwas stimmt hier nicht, nur weiß ich nicht was. Vielleicht hat er eine Freundin oder sonst irgendwelche Geheimnisse, von denen ich nichts erfahren soll.“ „Jetzt übertreib mal nicht. Schließlich ist er noch hier. Lassen wir es ruhig angehen und wenn du morgen Früh immer noch der Meinung bist, dass es ein Fehler war hier her zu kommen, dann fahren wir nach dem Frühstück wieder zurück. Was meinst du?“ „Ja, du hast ja recht. Ich werde mir jetzt erst mal was starkes zu trinken bestellen, dann bekomme ich vielleicht wieder einen klaren Kopf.“ Die Menüauswahl war nicht groß und doch fand Simone sofort etwas, dass ihr zusagte. „Ich hätte gerne einen Eierlikörpunsch mit Rum, wenn das möglich ist.“ Der Kellner drehte sich ohne zu Antworten um und verschwand in der Küche. Simone beobachtete ihre Schwester und die zwei Jungs von der Bar aus und versuchte das Verhalten Eriks zu begreifen. Während Rick und Daniela miteinander lachten, saß er nur da und verfolgte Stumm das Gespräch. Ab und zu wagte er einen hastigen Blick zu Simone, nur um sich dann wieder der Unterhaltung am Tisch zu widmen. „So bitte sehr, der Eierlikörpunsch. Noch etwas?“ „Nein danke. Uh der ist wirklich gut.“ Simone leckte sich über ihre Lippen und nahm noch einen großen Schluck von dem warmen Getränk, bevor sie wieder zu den anderen zurück ging.

Als sie bei ihrem dritten Punsch angelangt war, begann sich die Bar zu füllen. Der Kellner drehte die Stereoanlage auf und ein leises Stimmengewirr entwickelte sich. Als plötzlich die Tür aufging und eine schlanke, hochgewachsene Frau die Bar betrat, ebbten die Gespräche für den Bruchteil einer Sekunde ab und jeder einzelne Gast Blickte zum Eingang. Die Frau hatte tiefblaue Augen und langes, glattes, blondes Haar. Als sie weiter ins innere der Bar trat, begannen die übrigen Gäste ihre Gespräche fortzusetzen. Nur Simone schaffte es nicht, den Blick von ihr abzuwenden. Sie war eine hübsche Frau und doch machte sie ihr Angst. Die mysteriöse Blondine ging zur Bar und ohne ein Wort zu verlieren, bekam sie ihren Martini serviert. Sie nahm ihn entgegen und stolzierte zu dem Tisch, wo Simone mit den anderen dreien saß. Schnell wandte sie den Blick ab und stupste ihre Schwester an. „Freundin Alarm!“ „Das weißt du nicht Simone. In einem Dorf kennt jeder jeden. Die wird hier wohnen.“ Die Unbekannte blieb neben Simone stehen und sah mit einem hämischen Lächeln in die Runde. „Rick, Erik. Wollt ihr mich nicht vorstellen?“ Rick sprang nervös auf. „Tamara, das sind Daniela und Simone. Zwei Freundinnen aus vergangener Zeit. Sie sind hier, um ein paar Tage in unserem schönen Ort zu verbringen. Mädels, das ist Tamara.“ „Sehr erfreut.“, surrte Tamara und streckte Simone ihre schlanke, manikürte Hand entgegen. „Freut mich euch kennen zu lernen.“ Dann ging sie auf Erik zu und steckte ihm ihre Zunge in den Mund. Fast verschluckte sich Simone an ihrem Punsch. Sie traute ihren Augen nicht. Also doch seine Freundin., dachte sie verletzt, aber versuchte so unbekümmert wie möglich zu wirken. „Du lebst hier, Tamara?“ Tamara drehte unnatürlich flink ihren Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam und durchbohrte Simones Seele mit einem einzigen Blick. Ihre eisblauen Augen ließen nicht von ihr ab. „Ja, richtig und Erik ist mein Liebhaber.“ Die ganze Zeit über kam kein Wort aus Eriks Mund, aber er schien nicht vor zu haben, etwas zu der peinlichen Situation zu sagen. Tamara schwang ihren kleinen, perfekten Hintern auf einen der Stühle und überkreuzte ihre endlos langen Beine. Sie trug hautenge, schwarze Lederleggins und eine schwarze Jersey Bluse. Sie war atemberaubend sexy, aber auch gefährlich. Ihre langen, manikürten Nägel waren in einem dunklen rot lackiert und ihre Augen wurden von einem schwarzen Kajalstrich umrandet. Auch wenn Halloween war, wusste Simone sofort, dass dies kein Kostüm war. Sie schien eine männerfressende Schlampe zu sein. Oder so etwas in der Art. Aus Simones Angst wurde Kampfgeist und sie schwor sich, nicht so einfach aus diesem Dorf zu verschwinden. Die Opferrolle hatte noch nie gut zu ihr gepasst. Tamara versuchte mit ihrem Verhalten Krieg anzuzetteln, also konnte sie den haben. „So Erik, das ist also deine Freundin von der du uns noch nichts erzählt hast?“ Tamara musste schmunzeln und nahm noch einen Schluck von ihrem Martini. „Freundin ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, meine Süße.“, antwortete Tamara eiskalt. „Aber du darfst es gerne so sehen, wenn es dir gefällt.“ Gott sei Dank kam schön langsam etwas Schwung in die Bude und die Musik wurde lauter. Die Spannung war kaum noch auszuhalten. Aus der Küche strömten verschiedenste Aromen und die Menschen in dem Lokal lachten und unterhielten sich ausgelassen. Jeder kam in einem Kostüm und Simone fühlte sich etwas fehl am Platz. Aber da sie sich schon den ganzen Nachmittag so gefühlt hatte, konnte sie am Abend ruhig so weiter machen. Es kümmerte sie nicht mehr. Sie zog Daniela an die Bar, um noch ein paar Getränke zu bestellen und wollte die Möglichkeit dazu nutzen, mit ihrer Schwester alleine zu sprechen. „Sis. Dieser Rick ist echt lustig und ich glaube ich spüre den Alkohol schon, was komisch ist, denn soviel habe ich nicht getrunken. Was soll’s, Hauptsache Spaß.“ „Sag Daniela, bekommst du denn gar nichts mit?“ „Doch, wieso?“ „Na diese Tamara. Wer ist sie?“ „Eine Liebhaberin von Erik. Das hat sie zumindest behauptet.“ „Ja und der hatte nichts einzuwenden.“ „Das ist doch egal meine Gute, denn wenn sie eine Liebhaberin ist, heißt das nur, dass du ihn dir schnappen kannst. Sie ist nicht seine Freundin. Was meinst du?“ Daniela wog ihre Hüften im Takt zu White Snakes Here I go again und erschrak für den Bruchteil einer Sekunde, als eine Mumie neben ihr auftauchte. „Hey, geiles Kostüm.“ Die Mumie ließ nur undeutlich von sich hören und verschwand mit einem Bier in der Hand in der Menge der Partygäste. „Die Kostüme einiger Leute sind der Hit. Hast du Frankenstein gesehen? Super gruselig.“ Daniela grinste, nahm das Tablett mit den Getränken und bahnte sich einen Weg zu ihrem Tisch. Edward mit den Scherenhänden gesellte sich zu Simone und bat ihr einen Whisky mit Eis an. Zuerst zögerte sie, doch dann nahm sie ihn dankend an. „Du bist nicht von hier. Stimmt’s?“ „Richtig. Ich wollte einen Freund besuchen, aber das ist wohl in die Hose gegangen. Übrigens ich bin Simone.“ „Sehr erfreut ich bin Edward.“ Der Verkleidete lachte ein helles, freundliches Lächeln. „Scherz. Ich heiße Stefan. Also auf uns.“ „Auf uns.“ Simone kippte den Shot hinunter, schnappte sich dann Stefans Hand und zerrte ihn auf die Tanzfläche. Sie wollte den peinlichen Tag einfach vergessen und Stefan schien ihr ein netter Kerl zu sein. Erik konnte die Szene verfolgen und er war froh zu sehen, dass sich Simone anderweitig beschäftigte. Als Simone mit Stefan tanzte, bemerkte sie, dass sie von Erik beobachtet wurde, während Tamara ihm etwas ins Ohr flüsterte. Es gab ihr einen Stich ins Herz, als sie die Szene beobachtete und doch bemühte sie sich sehr, sich weiter mit Stefan, alias Edward mit den Scherenhänden, zu vergnügen. Als Simone nach kurzer Zeit noch einmal zu dem Tisch hinüber sah, war Tamara verschwunden. „Na endlich!“, dachte Simone. „Ich dachte die würde überhaupt nicht mehr gehen.“ „Hast du etwas gesagt.“, brüllte Stefan, um sich im hohen Lärmpegel hörbar zu machen. „Nein gar nichts. Kommst du mit zu meiner Schwester? Wir sitzen dort in der Ecke.“ „Ja klar. Geh schon mal vor. Ich komm dann nach.“ Als Simone zu ihrem Tisch kam, saß nur Erik dort. Seine dunkelbraunen Augen fixierten Simones Bewegungen im Detail, sodass sie Schwierigkeiten hatte zu denken. „Was willst du Erik? Musst du nicht deiner Freundin nachlaufen?“ Angewidert nahm sie ihre Tasche und ging vor das Lokal um eine zu rauchen. Weit und breit gab es keine Spur von Daniela, doch sie dachte sich nichts dabei. Irgendwie passierte das immer so, wenn die zwei Schwestern miteinander ausgingen. Das Hotel war ja nicht weit von hier, also konnte sie auch alleine ins Zimmer gehen, wenn sie dazu Lust hatte.

Die Nacht war glasklar und die Luft eisig. Simone bereute es, die Jacke im Hotelzimmer gelassen zu haben. Zahlreiche Sterne funkelten am Himmel und die Straßen waren nun von einigen Jugendlichen in Kostümen gesäumt. Der Brauch des All Hallow’s Eve kommt langsam nach Europa zurück. Es war noch kein Fest, dass von der breiten Masse gefeiert wurde und doch waren von Jahr zu Jahr mehr Menschen in den alten Brauch involviert.
Simone stand alleine vor dem Eingang des Lokals und war froh, ihre Ruhe zu haben. Sie blickte in den dunklen Nachthimmel und verlor sich in ihren Gedanken. Als eine verführerische Stimme an ihr Ohr drang, sprang sie mit einem Schrei zur Seite und versuchte zu erkennen, von wo aus das Geräusch kam. Simones Atem ging schnell und sie zitterte am ganzen Körper. „Was für ein Scheiß ist das denn?“, fragte sie halblaut in die Nacht und suchte immer noch im Dunkeln nach der verantwortlichen Person. Nichts. Sie konnte niemanden sehen. Nach einem letzten Zug von ihrer Zigarette, blickte sie sich noch einmal nervös um und verschwand dann schnell in dem Lokal, wo die Dorfbewohner heiter feierten. Sie ging mit großen Schritten zu dem Tisch, wo zuvor noch ihre Schwester gesessen hatte, doch sie fand nur Edward mit den Scherenhänden vor. „Ich dachte, du wärst schon weg.“, sagte Edward. „Ich war nur kurz draußen. Wo sind die anderen?“ „Keine Ahnung. Ich warte hier nur auf eine Freundin, weil wir dann auf eine Privatfeier gehen. Kommst du mit?“ Simone dachte einen Augenblick über das Angebot nach, doch lehnte dankend ab. Ihr war der Spaß sichtlich vergangen. Sie nahm ihre Sachen und verabschiedete sich schnell. Simone kämpfte sich durch die immer betrunkener werdende Menge an Monstern und versuchte auf die Straße zu gelangen. So wie sich vorhin noch einige Personen auf der Straße aufhielten, war jetzt keine Menschenseele mehr zu sehen. Simone sah sich noch ein mal um, und steuerte dann auf das Hotel, am Ende der Trap Street, zu. Es war eisig auf den Straßen und sie konnte ihren Atem deutlich sehen. Als sie in Gedanken versunken die Straße entlang ging und über die letzten Stunden des Tages nachdachte, wurden sie durch ein lautes, unangenehmes Schaben unterbrochen. Das unheimliche Geräusch lenkte ihre Aufmerksamkeit auf einen der vielen Sträucher, die am Straßenrand wuchsen. Sie blieb einen Moment lang stehen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. „Es wird irgendein Tier sein.“, sagte sie mit leiser, zittriger Stimme zu sich selbst. Als Simone jedoch weiter nichts wahrnahm, setzte sie sich wieder in Bewegung. Kaum hatte sie aber zwei Schritte getan, kehrte das schabende Geräusch zurück. Dieses Mal war es lauter und noch unheimlicher als zuvor. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie sofort zum Hotel zurück gehen sollte, doch die Neugierde war stärker. Trotz ihrer Angst wollte sie nachsehen was es war. Simone näherte sich dem Straßenrand und versuchte in dem dichten Gestrüpp etwas zu erkennen. Unter ihren Füßen knackten die Äste als sie zerbrachen und je tiefer sie in das Unterholz vordrang, desto weniger Licht erreichte sie von der Straße aus. Sie brauchte einen Augenblick, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann ging sie vorsichtig weiter. Das Mädchen stand vollkommen allein, in Mitten hoher Bäume, in einem Dorf, dass sie kaum kannte. Ihr Atem ging schnell. Trotz der Kälte fing sie zu schwitzen an. Sie hatte keine Ahnung was sie erwartete und doch folgte sie dem unangenehmen Geräusch. Mit jedem Schritt, mit dem sie sich näherte, wurde das Knirschen und Kratzen lauter. Simone fühlte sich zunehmend ferngesteuert. Wie vor dem Lokal, drang eine süße Stimme an ihr Ohr. Sie verstand nicht ganz was es bedeutete und doch hatte sie direkten Einfluss auf sie. Sie ging weiter und kümmerte sich nicht mehr um das Angstgefühl. Es war, als würde sie nicht mehr sie selbst sein.

Als Simone zu sich kam, war sie desorientiert. Sie konnte nicht erkennen wo sie sich befand, doch sie versuchte sich zu erinnern, was geschehen war. In ihrem Kopf pochte es. Es schien, als würde ihr Gehirn jeden Augenblick explodieren. Sie griff sich über das linke Auge und zuckte vor Schmerz zusammen. Eine klebrig, warme Flüssigkeit hinterließ ihre Spuren an Simones Finger. Ächzend versuchte sie sich zu erheben, hatte jedoch Schwierigkeiten das Gleichgewicht zu halten. „Ruhig bleiben Simone. Ruhig bleiben! Das wird schon wieder.“, beruhigte sie sich selber. „Was ist nur passiert? Wieso bin ich hier?“ Sie suchte in ihrer Tasche nach ihrem Handy, doch sie konnte es nicht finden. Simone zitterte am ganzen Körper, teils aus Angst und teils der niedrigen Temperatur wegen. Ein starker Wind blies ihr ins Gesicht. Allmählich kam sie zu sich. Sie versuchte, sich ein Bild ihrer Umgebung zu machen. Wurzeln, feuchtes Erdreich und abgebrochene Äste waren die vorherrscheden Komponenten in dem Raum indem sie vor kurzem erwachte. „Ach du heilige Scheiße. Ich sitze in einer Grube fest!“ Ich muss hinunter gestürzt sein, als ich dem Geräusch gefolgt bin., dachte sie und spürte Panik in sich aufsteigen. „Hilfeee! Ist da jemand? Ich bin hier unten!“ Nach und nach dämmerte ihr, dass sie in echten Schwierigkeiten steckte. Aber wer konnte ihr nur etwas böses wollen? Sie kannte hier doch niemanden. Niemanden außer Erik! „Oh mein Gott Erik.“, sagte sie leise. „Erik! Wo bist du? Was willst du von mir?“, schrie Simone wütend in die dunkle Nacht hinein. Ihre Stimme verschwand im Nichts und niemand antwortete ihr. Der Wind war eisig kalt und erneut drang eine süße Stimme an ihr Ohr. „Simone.“, flüsterte sie. Es schien als würde der Wind ihren Namen säuseln. Ihre Unterlippe bebte und die Angst ließ ihren Überlebensinstinkt erwachen. In Panik vor dem Tod, versuchte sie, aus der tiefen Grube zu entkommen. Sie wollte die unheimliche Stimme nicht mehr hören und vor allem wollte sie nicht an Halloween sterben. Verzweifelt versuchte sie sich an einer dicken Baumwurzel hochzuziehen. Aus zwei Metern Höhe stürze sie in die tiefe Dunkelheit zurück. Mit aufgeschnittenen Händen und zerrissenen Strumpfhosen blieb sie wimmernd liegen und ergab sich der honigsüßen Stimme. Langsam fühlte sie, wie das Leben aus ihrem Körper wich. Böse Dunkelheit umgab sie und drang in sie ein. Simones Körper erhob sich vom kalten, schmutzigen Untergrund und bog sich empor. Die geballte Kraft des Windes ergriff Simones regungslosen Körper und wirbelte ihn gegen die Innenwand der Grube. „Lass sie in Ruhe!“, schrie jemand aus der Dunkelheit. Der Wind ließ sofort von dem Mädchen ab. Es herrschte Totenstille. Simones Körper schlug hart auf dem Boden auf. Ein leises Wimmern entkam ihrer Kehle und als sie eine männliche Stimme aus einiger Entfernung wahrnahm, kam sie langsam zu sich. „Was ist passiert? Wo bin ich?“, stöhnte sie ins Nichts und versuchte sich aufzusetzen. Simone versicherte sich, dass sie sich nichts gebrochen hatte, als sie plötzlich jemanden wahrnahm. „Simone? Geht es dir gut?“ „Wer ist da? Ich brauche Hilfe.“ Mit schwacher Stimme versuchte sie sich bemerkbar zu machen, doch ihr fehlte die Kraft dazu. „Simone, hörst du mich?“ Als Simone klar wurde, mit wem sie es zu tun hatte, ließ der Schmerz der Wut ihren Platz. „Erik du Arschloch. Was hast du mit mir vor?“ Simone hätte Lust gehabt ihm den Kopf einzuschlagen, doch sie wusste auch, dass sie die Grube ohne seiner Hilfe nicht mehr lebend verlassen würde. „Kannst du dich bewegen?“, fragte Erik besorgt. „Ja, ich denke schon. Gebrochen scheint nichts zu sein.“ Erik warf Simone einen Strick entgegen und zog sie Schritt für Schritt an die Oberfläche hinauf.
„Oh mein Gott Simone. Geht es dir gut?“ Erik umarmte Simone und legte ihr seine Jacke über die Schulter. „Heißt das, du hast nichts damit zu tun?“ Sie deutete auf die Grube. „Was zur Hölle? Nein! Was hast du hier überhaupt getrieben?“ Erik wusste was Simone an diesem Ort tat, doch er konnte es ihr nicht erzählen, also hörte er ihr Aufmerksam zu. „Du musst verschwinden Simone.“ „Erik, das habe ich jetzt schon verstanden. Es ist dir unangenehm, dass ich hier bin. Deine neue Freundin hat Probleme damit und du fühlst nichts für mich. Ich weiß das mittlerweile“ „Nein das ist es nicht. Du musst hier einfach nur weg. Ich weiß nicht, wie lange ich dich beschützen kann.“ „Also weißt du was hier vor sich geht? Erik, sag es mir? Sag nicht, dass deine Freundin dahinter steckt. Das ist verrückt!“ „Ich kann es dir jetzt nicht erklären! Komm, lass uns schnell ins Hotel gehen.“ Erik zerrte Simone hinter sich her und brachte sie sicher in ihrem Hotelzimmer unter.

Als Simone unter der Dusche stand, versicherte sich Erik, dass die Tür gut abgeschlossen war. Er wusste, dass es nicht einfach war Simone zu retten, aber er musste es versuchen. Er wollte sie nicht weiter in Gefahr bringen. Das Beste wäre, wenn sie noch heute Nacht abreisen würde. Sobald Simone aus der Dusche kam, würde er es ihr sagen.
Mit nassen Haaren und in einen weißen Bademantel gewickelt, stand Simone vor Erik. Ihre langen Haare fielen ihr auf die Schultern und mit ihren müden, angsterfüllten Augen, starrte sie Erik an. Es tat ihm in der Seele weh, sie so zu sehen und doch hatte er ein großes Verlangen, sie in den Arm zu nehmen und zu küssen. Erik machte einen Schritt auf sie zu und strich ihr über die Wange. „Was ist da vorhin passiert Erik?“, fragte Simone flehend. Geschlagen setzte sich Erik auf das Bett und begann zu erzählen. „Sie ist was? Sie sammelt junge Seelen, um sich selber jung zu halten? Tamara? Die Tamara die ich heute gesehen habe? Ich versteh nicht ganz.“ Simone war verwirrt und glaubte zu spinnen. Erik versuchte ihr zu erklären, dass sie tatsächlich böse und er ihr Sklave war. Erik musste ihr jedes Jahr mindestens eine Seele liefern und dafür durfte er weiter leben. „Aber wie ist es dazu gekommen? Sie ist also nicht menschlich?“ „Nein ist sie nicht. Tamara war aber einmal menschlich. Vor zweihundert Jahren zirka. Wir hatten vor einigen Jahren zu Halloween ein Spiel gespielt. Es ging dabei um eine alte Geschichte, über eine Frau genau gesagt, die hier gestorben war. Sie wurde von ihrem Mann brutal niedergemetzelt, weil er mit seiner Geliebten zusammen sein wollte. Als wir sie freigesetzt hatten, wollte sie mich ermorden, doch irgendetwas hinderte sie daran. Sie entschied sich dafür, mich als ihren Sklaven zu behalten . Ich musste ihr jedes Jahr zu Halloween die Seelen junger Frauen bringen. Wenn ich es nicht tat, würde ich sterben. Mit den Seelen konnte sie ein weiteres Jahr auf Erden wandeln. Als sie gemerkt hatte, dass du mehr als nur eine Bekannte für mich bist, wollte sie unbedingt dich. Deshalb hat sie dich in den Wald gelockt. Sie wollte mir damit weh tun. Sie hasst alle Männer, da ihr eigener sich ihrer entledigt hatte. „Aber warum will sie dann die Seelen junger Frauen haben?“ „Weil für sie alle gleich sind. Es war die Geliebte, die angeblich den Mord geplant hatte. Für sie sind Männer einfach nur dumme Geschöpfe, ohne eigenem Willen. Schwanzgesteuert und einfältig, wenn du es so willst. Die wahre Intelligenz ist die Frau und somit ist es deren Seele, die sie interessiert.“ Ungläubig starrte Simone ihn an. Sie verdaute das soeben gehörte und ahnte, dass sie aus dieser Situation nicht so leicht entfliehen konnte. Sie ging auf das Bett zu und stellte sich vor Erik hin. „Also was soll’s. Dann habe ich ja nichts mehr zu verlieren.“ Langsam öffnete sie den Gürtel ihres Bademantels und ließ ihn auf den Boden gleiten. Ihr wohlgeformter, runder Busen befand sich in Eriks Augenhöhe und er musste schwer schlucken, als er Simones deliziöse Rundungen vor sich sah. Mit seiner Zungenspitze liebkoste er ihren Körper und legte sie dann behutsam auf das Bett. Simone umarmte Erik und schloss ihre Beine um seinen Körper. Mit Liebe, legten sich ihre Lippen auf die seinen und er erwiderte ihren zarten Kuss. Langsam schälte sich Erik aus seinem schwarzen Kapuzenpullover und entblößte seinen kräftigen und anregenden Oberkörper. Simone strich ihm über seinen Brustkorb und küsste ihn vom Ohrläppchen bis zu seiner Schulter. Sanft bahnte sie sich mit ihren Händen den Weg zu seinen Jeans, um sie zu öffnen. Sein warmes, steifes Glied erwartete sie bereits. Mit ihrer rechten Hand streichelte sie über seine Hoden und führte dann seinen Penis zu ihrer feuchten Weiblichkeit. Mit einem tiefen Stöhnen des Wohlwollens, drang Erik in Simone ein.

„Du musst verschwinden bevor Tamara hier auftaucht.“, sagte Erik und zog sich hastig an. „Romantik ist wohl nicht deine Stärke.“ „Wie machst du das nur, so ruhig zu bleiben. Sie könnte jeden Moment hier sein.“ „Ich bin nicht ruhig, Erik. Ich habe mich einfach nur damit abgefunden. Was kann ich kleiner Homo Sapiens schon ausrichten? Wenn ich jetzt flüchte, würde sie mir folgen und du weißt das.“ Kaum hatte sie ausgesprochen, sprang die Tür mit einem gewaltigen Windstoß aus dem Schloss. Die Lichter gingen aus und beide wurden in Dunkelheit gehüllt. „Hör auf sie Erik. Du weißt, dass Frauen das Gehirn haben.“, kündigte sich Tamara an. Ein Lichtkegel drang von der Straße aus durchs Fenster herein. Das war die einzige Lichtquelle die den beiden blieb. Simone war in ein Leintuch gewickelt und darunter immer noch nackt. Sie klammerte sich an das Stück Stoff, so als würde es ihr Leben retten. Als sich die Dunkelheit im Lichtkegel materialisierte, stellte sich Erik schützend vor Simone. Tamara nahm ihre menschliche Form an. Ein schrilles Lachen kam über ihre Lippen und ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren. „Ist das nicht süß!“, zischte Tamara und setzte sich auf das ungemachte Bett. „Lass sie in Ruhe Tamara.“, sagte Erik. „Nimm mich, aber lass sie gehen.“ „Ach ja, wie oft habe ich das schon gehört. Es wird langsam langweilig.“ Tamara spielte mit einer Haarsträhne und begutachtete die Nägel der anderen Hand. „Weißt du Erik, es war ein Fehler dich am Leben zu lassen. Männer sind einfach zu nichts zu gebrauchen!“ Immer noch stand Erik schützend vor Simone. „Wie können wir sie aufhalten? Hast du keinen Gegenzauber?“, flüsterte Simone ängstlich. „Ha, das ich nicht lache. Gegenzauber. Du hast wohl zu viel Charmed gesehen. Nichts und niemand kann mich mehr aufhalten. Ich habe meine Seelen für dieses Jahr gefunden. Übrigens, deine Schwester war sehr deliziös.“ Simone riss ungläubig die Augen auf. Als sie verstand, was sie da soeben gehört hatte, wurde ihr schlecht. Sie wurde kreidebleich und musste sich an Erik klammern, um nicht in Ohnmacht zu fallen, doch ihre Tränen konnte sie nicht verbergen. „Oh, wusstest du das nicht? Ist dir nicht aufgefallen, dass deine süße, kleine Schwester nicht mehr im Lokal war, als du weg gegangen bist?“ Tamara erhob sich grinsend vom Bett und holte sich ein Fläschchen Wodka aus der Minibar. „Ein guter Tropfen zur Feier des Tages. Ich muss sagen, dieses Jahr war ein erfolgreiches Jahr.“ Sie trank die Flasche leer und schmiss sie dann vor Eriks Füße. Simone machte einen Satz nach hinten und stolperte über ihr viel zu langes Leintuch. Im Bruchteil einer Sekunde lag Erik auf dem Boden und Tamara beugte sich über Simone. „Du kleines, dummes Kind. Dachtest du wirklich, Erik könnte dich retten?“ Als sich Erik vom Boden erheben wollte, drückte ihn eine unsichtbare Kraft zu Boden. Er kämpfte dagegen an, doch sie war viel stärker als er. Hilflos musste er zusehen, wie Tamara seine Freundin bedrohte. „Wenn ich es gewollt hätte, wäre er schon längst tot.“ Tamara genoss die Angst in Simones Gesicht und sog jede Regung des Mädchens in sich auf. „Deine Seele brauche ich nicht mehr. Die deiner Schwester war gut genug. Aber ich werde mich sehr gut um dich kümmern, meine Kleine.“ Ihre Stimme war scharf, wie die Klinge eines Fleischermessers. Nicht zu vergleichen mit der süßen, anziehenden Stimme im Wald. „Ich habe es auf die gute Tour versucht. Jetzt werde ich aber nicht mehr so lieb sein.“ Simone war starr vor Angst und brachte kein Wort heraus. Sie lag einfach nur da und starrte mit aufgerissenen Augen in Tamaras makelloses Gesicht. Im Augenwinkel bahnte sich eine Träne den Weg auf ihre Wange. Blitzschnell tauchte Tamaras Gesicht vor ihrem auf. „Weinst du etwa?“ Tamaras zynischer Tonfall entging Simone kein bisschen und doch konnte sie nicht antworten. Mit der Zungenspitze leckte Tamara über Simones Wange. „Es wird nicht weh tun. Mach dir keine Sorgen.“ Tamara packte Simone am Haarschopf und schmiss sie unsanft aufs Bett. Vor lauter Schmerz schrie sie auf, doch das befriedigte Tamara umso mehr. Erik lag immer noch regungslos am Boden. Er hatte einfach nicht die Kraft, sich Tamaras Stärke zu entreißen. „Um dich kümmere ich mich später noch. Eines nach dem anderen.“ Tamara beugte sich über Simones regungslosen Körper und streichelte ihr übers Gesicht. Mit ihren langen Nägel hinterließ sie einen tiefen Schnitt auf Simones Wange. Der Duft des Blutes versetzte sie in Trance. Sie genoss das Aroma frischen Blutes und gönnte sich eine kleine Kostprobe. Am Boden, neben dem Bett, versuchte sich Erik immer noch zu erheben. Er schaffte es, unter enormen Kraftaufwand, auf die Knie zu kommen. Erik schnappte sich den Gürtel des Bademantels und in einer Sekunde der Unaufmerksamkeit, band er ihn um Tamaras Hals. So fest er konnte, zog er den Gürtel zu. Überrascht von dem Angriff, schaffte es Simone, sich aus den Fängen der Untoten zu befreien. Sie stolperte aus dem Bett und fiel zu Boden. Erik nahm all seine Kraft zusammen und zog den Gürtel enger um Tamaras Hals. „Lauf Simone. Lauf!“, schrie er seiner Freundin zu. Simone suchte im Zimmer nach einem spitzen Gegenstand um es Tamara ins Herz zu rammen, doch kaum hatte sie einen Brieföffner gesichtet, hatte sich das Monster befreit. Sie packte Erik am Hals und warf ihn gegen die Wand. Der Aufprall war so hart, dass er regungslos am Boden liegen blieb. Unter Erik bildete sich eine kleine Blutlache. Simone schrie um Hilfe, doch niemand schien sie zu hören. Nackt und ohne Schutz, stand sie in Mitten des Hotelzimmers. „Wie jämmerlich du aussiehst.“, lachte Tamara und warf sich auf das Mädchen. „Dir werde ich nun ein Ende setzen.“ Mit einem entsetzlichen Schrei fiel Simone auf den Boden und bewegte sich nicht mehr. Tamara setzte mit ihrem Fingernagel an und Schnitt dem Mädchen die Kehle, von einem Ohr zum anderen, auf. Blut schoss aus der Wunde und verteilte sich über ihren Körper. Einige Sekunden versuchte Simone um Luft zu ringen. Vergebens.

Kurz danach herrschte Totenstille im Raum und langsam tränkte sich der Teppichboden mit Blut. Tamara war zufrieden mit ihrer Arbeit und wusch sich im Bad gründlich die Hände. Nachdem sie gemächlich ihr Makeup aufgefrischt hatte, begutachtete sie ihr Kunstwerk ein letztes Mal, dann drehte sich um und verließ das Hotel.
Die Straßen im Dorf waren leer. Die Bewohner waren schon seit Stunden im Bett. Bald würde für sie ein normaler Tag beginnen. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, ging sie die Trap Street entlang und dem Sonnenaufgang entgegen.

Ein Ende mit Schrecken…?!

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Elena stand in der Küche und bereitete das Essen für den Heiligen Abend vor. Die Küche war klein und überfüllt mit allerlei leckeren Speisen. Endlich würde die ganze Familie wieder zusammen sein. Es waren Jahre vergangen, seit sie und ihr Mann alle fünf Kinder und deren Ehepartner und Enkelkinder gesehen hatten. „Es wird kein ruhiges Weihnachten geben. Es wird laut und chaotisch sein, aber das ist es wert.“, dachte Elena. Ihr Mann Thomas bemühte sich den Weihnachtsbaum so gerade wie möglich zu platzieren, sodass seine Frau nichts zu meckern hatte und begann dann mit dem Aufputz. Er dachte dabei an die neugierigen Kinderaugen seiner Enkel, wenn es im Raum ganz dunkel wurde und die Lichter am Baum heller leuchteten, als der hellste Stern am Himmelszelt. Für ihn war das das schönste Geschenk, dass er in diesem Jahr erhalten konnte.
Nachdem Elena und Thomas das ganze Haus auf Vordermann gebracht hatten, war es inzwischen spät Abends geworden und beide sanken erschöpft auf der Couch nieder. „Was denkst du, Thomas. Werden sich alle wohl fühlen?“ „Aber klar doch meine Liebe. Unsere Kinder sind doch auch froh, dass wir es endlich geschafft haben, Weihnachten alle unter einem Dach verbringen zu können.“ Mit diesen Worten kuschelten sie sich aneinander, und schliefen vor dem Kamin ein.

Am nächsten Morgen taten den beiden alle Knochen weh. „Ach du meine Güte. Wir sind hier auf der Couch eingeschlafen.“, stellte Elena fest. „Wir sind doch keine zwanzig mehr, um das zu überstehen.“ lachte sie.
Nachdem das Ehepaar dann gefrühstückt hatte, organisierten sie die letzten Schritte für das Fest und warfen sich am späten Nachmittag in ihre Festtagskleidung.
Als sich das Haus nach und nach füllte, kehrte eine gewisse Wärme in Elenas und Thomas‘ Heim ein. Die Enkelkinder liefen im ganzen Haus umher und die Erwachsenen saßen um den großen Festtagstisch herum, plauderten über dies und das und die warmherzige Weihnachtsdeko brachte den letzten Schliff an festlicher Stimmung ins Haus. Es gab reichlich zu essen und zu trinken. Der Festtagsbraten war groß und knusprig und die Süßkartoffeln harmonierten fantastisch dazu. Elena hatte Unmengen an leckeren Keksen gebacken und dieses Jahr fand sogar eine Weihnachtstorte ihren Platz an den Tisch.
Nach dem Essen und kurz bevor die Kleinsten der Familie ins Bett gingen, überreichten sich die Geschwister und die Eltern, aber auch die Kinder, die jeweiligen Präsente. Dieses Jahr gab es so richtig viele Geschenke unter dem Baum. Spielzeug, Wollsocken, Bücher, Selbstgemachtes…alles was das Herz begehrte. Für die größeren der Enkelkinder waren sogar Smartphones dabei. „Danke Oma und Opa.“, würden die Enkelkinder rufen und sich mit den neuen Geschenken sofort ins Wohnzimmer begeben um zu spielen. Die jüngsten der Familie wurden dann ins Bett manövriert und die Erwachsenen genehmigten sich auf der Terrasse einen schönen, warmen Eierlikörpunsch. Alles schien perfekt zu sein. Die Familienzusammenführung war ganz gut gelungen. Niemand wollte so recht daran glauben, überhaupt nach den letzten Jahren, in denen die Geschwister fast nur miteinander stritten und Elena und Thomas ihre Kinder nie gemeinsam zu Gesicht bekamen. Dieses Weihnachten schien es anders, es schien alles überwunden zu sein. Endlich!

Als sich dann auch der Rest der Familie in die Schlafzimmer verzupfte, blieb Elena einen Moment lang vor dem Bett stehen. „Was ist los?“, fragte Thomas eher abwesend. „Kommst du nicht ins Bett?“ „Hier stimmt etwas nicht. Hörst du das auch? Sag bloß nicht, dass die Katzen das restliche Weihnachtsessen verputzen.“ sagte Elena etwas genervt und ging in Richtung Esszimmer, dass gleich neben der Küche lag. Sie schaltete das Licht ein und drehte sich zur Küchentür um. Sie hörte ein knistern und ein knacken und dachte, dass sie vielleicht eine Katze eingesperrt hatte. „Ach, die werden jetzt sicher das ganze Essen angeknabbert haben.“ Elena öffnete die Schiebetür zur Küche und erstarrte vor dem was sie sah. Vor ihren Augen ragte ein loderndes Feuer von der Kochplatte hinauf zum Dunstabzug und zog sich links und rechts an den Küchenregalen entlang. Sie stieß einen lauten Schrei aus, doch hatte Schwierigkeiten sich zu bewegen. Sie wusste, wenn sie nicht sofort reagierte, würde dieses Weihnachten sehr schlecht für sie alle enden. Mit Tränen in den Augen lief sie ins Schlafzimmer zurück und schrie Thomas entgegen, dass er sofort das Haus verlassen müsse. „Es brennt! Thomas es brennt. Ich weiß nicht was ich tun soll. Es ist alles voll Rauch und die Flammen werden immer größer!“ Thomas nahm sein Mobiltelefon und Elena schrie in Angst und Panik um das Leben ihrer Enkelkinder und Kinder. Die Erwachsenen versuchten die Kleinsten zu packen und sofort aus dem Haus zu laufen. Einer der Schwiegersöhne nahm das Handy aus Thomas‘ Hand und rief die Feuerwehr an. Thomas versuchte seine Frau dazu zu bringen sofort das Haus zu verlassen, denn der Rauch wurde immer stärker und das Atmen wurde langsam aber doch unmöglich. Die Kinder weinten und schrien in Panik. Die größeren versuchten sich alleine zu retten und liefen in ihrem Nachtgewand auf die kalte Straße hinaus. Mittlerweile hatten sich die Flammen auf das halbe Haus ausgebreitet. Die Deckenleuchten explodierten und fielen zu Boden, sodass es keine Möglichkeit mehr gab, noch irgendetwas im Haus erkennen zu können. Der Sauerstoff, der zur offenen Eingangstür eindrang, verstärkte die Flammen, die sich immer schneller auf das ganze Gebäude ausbreiteten und Thomas hatte Probleme, über den Hauptausgang das Haus zu verlassen. Nachdem er seine Frau Elena dazu gebracht hatte hinaus zu laufen und sich versichert hatte, dass alle Kinder und Enkelkinder in Sicherheit waren, ist er noch einmal ins Haus gelaufen, um das kleine Kätzchen Valentino zu retten. Er dachte, dass die älteren Katzen bereits von alleine aus der Feuerhölle geflüchtet waren, als er Valentino verloren im Esszimmer sitzen sah. Nun war es jedoch für beide zu spät aus den Flammen zu entkommen. Es gab kein Licht mehr und die Hitze wurde unerträglich. Der Rauch erschwerte es ihm zu atmen und nach und nach kamen Teile der Decke herunter. „Wenn ich nicht bald hier raus komme, dann ist es aus mit mir.“, dachte Thomas als er versuchte sich tief unter dem Rauch zu bewegen. Er kroch mit der Babykatze unterm Arm auf das Wohnzimmer zu. Die Tür war geschlossen und es dürfte noch nicht so viel Rauch eingedrungen sein. Fensterscheiben zersprangen in den Räumen, in denen es bereits voll brannte und er fühlte sich immer weniger in der Lage, ungehindert zu atmen. Thomas öffnete schnell und mit seinen letzten Kraftreserven die Wohnzimmertür und kroch hastig hinein. Die Luft dort drinnen war noch etwas besser, aber er konnte sich nicht darauf verlassen hier sicher zu sein. Das Haus könnte jeden Moment einstürzen und die Flammen machten auch vor keiner Holztür halt. Zumindest nicht für lange Zeit. Er stieß den von ihm dekorierten Weihnachtsbaum um, um an die dahinterliegende Terrassentür zu gelangen…

Vor dem Haus weinten die Kinder und die Erwachsenen versuchten ruhig zu bleiben. Niemand verstand was da gerade geschah. Sie sahen die lodernden Flammen, die aus dem Fenster brannten und die Fensterscheibe zum zerspringen brachten. Kleine Explosionen aus dem Inneren, waren wie einzelne Stiche in Elenas Herz. Sie wusste nicht was mit Thomas passiert war und sie konnte nicht mehr ins Haus zurück, um nach ihm zu sehen. Ihre älterste Tochter musste sie mit aller Kraft zurück halten, damit sie keine Dummheiten machte. Es war eisig kalt, doch niemand schien die Kälte zu spüren. Vor fünf Minuten hatten sie die Feuerwehr gerufen und doch schien bereits eine Stunde vergangen zu sein. Als die Feuerwehr kam, ging dann alles ganz schnell. Die herabgefallenen Rollos mussten mit Äxten zerschlagen werden, um den Männern Zutritt verschaffen zu können. „Mein Mann…mein Mann ist da noch drinnen!“, schrie Elena verzweifelt und war der Ohnmacht nahe. „Sie müssen ihn raus holen!“ Gerade als sie den Satz beendete, kam eine dunkle Gestalt hinter dem geparkten Feuerwehrauto hervor. Elena schenkte ihr zuerst keine Beachtung, doch als eines ihrer Enkelkinder „Opa“ schrie, wandte sie ihm ihren Blick zu. Mit Tränen in den Augen und ungeheuer erleichtert ihren Mann unverletzt zu sehen, lief sie ihm entgegen. Sie umarmte ihn sofort so fest sie konnte und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Wange. „Thomas!“ schrie sie. „Er ist hier. Mein Mann ist hier. Thomas, es ist eine Tragödie. Wie geht es dir? Bist du Wahnsinnig, dass du nochmal zurück gegangen bist?“ Erst als sie die Frage zu Ende gestellt hatte, sah sie, dass er den kleinen Kater Valentino auf dem Arm hatte. Er miaute leise und Elena machte einen Schritt zurück und schloss ihn sofort in ihre Arme. „Oh Valentino.“ Mit schwachen Knien begaben sie sich zum Rest der Familie und konnten nichts anderes tun, als Ohnmächtig der Feuerwehr bei den Löscharbeiten zuzusehen.
Nach einer dreiviertel Stunde waren dann die Flammen endlich gelöscht und man konnte keine berstenden Glasscheiben, oder fallende Luster mehr hören. Alles war verbrannt. Sie wussten nicht, ob sie noch etwas in ihrem Besitz hatten, außer der Kleidung die sie am Leib trugen, oder nicht. Während die Löscharbeiten weiter gingen, kamen die Nachbarn auf die Familie zu, um ihnen Decken und warme Getränke anzubieten. An Elena ging alles wie in Zeitlupe vorbei und doch nahm sie dankend jede Hilfe an.
Es dauerte über eine Stunde, bis die Arbeiten am Haus beendet waren, und doch schien es eine Ewigkeit gedauert zu haben. „Wie bist du da bloß nur raus gekommen?“, frage Elena matt und ausgelaugt. „Als ich dich hinaus geschickt habe, wollte ich mich vergewissern, dass wir es alle geschafft haben. Da habe ich dann Valentino im Esszimmer sitzen gesehen. Er war vollkommen orientierungslos und ich konnte ihn nicht verbrennen lassen. Da habe ich ihn mir geschnappt, bin ins Wohnzimmer gelaufen und über die Terrassentür in den Garten geflohen. Es war auch höchste Zeit, denn der Rauch verbreitete sich sehr schnell und im Dunkeln war es nicht leicht etwas zu erkennen. Na ja und vom Garten um das Haus herum zu gehen, braucht halt auch noch seine Zeit.“, erklärte Thomas hustend. Er hatte viel Rauch eingeatmet und Anzeichen schwarzen Rußes waren auf den Lippen sichtbar. „Aber jetzt bist du da und ich kann dir gar nicht sagen wie erleichtert ich bin dich zu sehen. Ich dachte schon, ich hätte dich verloren.“ Als Thomas nach einigen Minuten immer noch nicht aufhörte zu husten, brachte sie ihn in einen der bereitstehenden Krankenwagen. Er ließ sich durchchecken und hoffte bald in ein Bett zu kommen. Er war ausgelaugt und verzweifelt.
Die Nacht verbrachten sie dann aufgeteilt bei Freunden und Verwandten, doch niemand machte in dieser Nacht ein Auge zu.

Am nächsten Morgen borgte sich Elena ein paar Kleidungsstücke ihrer Schwester aus und gab ein paar ihres Schwagers ihrem Mann Thomas. Sie wollten ihr Haus unbedingt bei Tageslicht in Augenschein nehmen. Sie wussten nicht wie hoch der Schaden war, was wirklich passiert war und wie es nun weiter gehen würde. Das Ausmaß der Katastrophe von gestern Nacht, wollten sie trotzdem unbedingt sehen. In der Nacht war alles so schockierend schnell gegangen und im Kopf überschlugen sich die Ereignisse.
Schaulustige fuhren bereits, seit den frühen Morgenstunden, an dem verbrannten Haus vorbei, doch das kümmerte das Ehepaar nicht sonderlich. Sie hatten gerade ihr ganzes Hab und Gut verloren, ihr Lebenswerk, dass sie sich mit eigenen Händen aufgebaut hatten, war zerstört. Schon am Gartenzaun schaffte es Elena nicht die Tränen zurück zu halten. Thomas nahm sie an die Hand und Elena hakte sich bei ihrem Mann ein. Langsam gingen sie in Richtung Eingangstür, oder zumindest das was von ihr noch übrig war. Geschockt schnellte Elenas Hand vor ihren Mund und sie musste einen Augenblick ihre Augen schließen. Thomas legte ihr die Hand um die Schultern und betrat mit ihr das, was einmal ihr Zuhause gewesen war. Die Feuerwehrleute hatten ihnen das OK gegeben, die ehemalige Wohnstätte betreten zu können, aber sie durften nicht all zu lange darin verbringen. Die giftigen Dämpfe waren überall und schon beim hinein gehen, trat ihnen ein stechender, chemischer Gestank entgegen. Alles war verkohlt. Schwarz. Die Einrichtung sah beinahe wie eine alte Theaterkulisse aus. Die Möbelstücke waren teils verbrannt und teils waren sie verkohlte Hüllen ihrer selbst. Sobald man sie anfasste, gingen sie zu Boden. Die halbe Decke des Hauses hatte sich gelöst und so wackelten sie auf den Trümmerteilen von einem Raum in den nächsten. Am Boden verstreut fanden sie abgebrannte Fotos, die durch die Löscharbeiten und die Entfernung des Materials, aus den Möbeln gefallen waren. Das Esszimmer und die Küche waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Nur die Räume, bei denen die Türen geschlossen waren, haben das Unglück augenscheinlich überstanden. Das Wohnzimmer, aus dem sich Thomas retten konnte, war beinahe so geblieben, wie er es verlassen hatte. Nur der Weihnachtsbaum lag umgestoßen am Boden.
In die mitgebrachten Reisetaschen, packten sie all die Kleidung, die sie mitnehmen konnten. Sogar die Dokumente und einige Schmuckstücke, aus verschiedenen Generationen der Familie, hatten überlebt. „Wenigstens haben wir noch Kleidung und unsere Wertsachen.“, sagte Elena kaum hörbar. Sie schien in dem Moment um Jahre gealtert. Sie konnte an nichts anderes denken, als an all die Zeit, in der ihre Kinder noch hier lebten. All das würde jetzt nur mehr in ihren Köpfen weiter existieren. Es gab ja nicht einmal mehr Fotos.
Als sie die Sachen, die sie mitnehmen wollten, gepackt hatten, machten sie sich kraftlos auf, das Haus zu verlassen. „Wie soll es nun weiter gehen?“, fragte Thomas als er sich ein letztes mal zu dem Haus umdrehte. „Ich weiß es nicht Thomas. Aber jetzt müssen wir erst einmal sofort die Kleidung waschen, dass der giftige Rauch verschwindet. Die Feuerwehrleute haben mir gesagt, dass es mit jedem weiterem Tag schwieriger wird, die Sachen noch gebrauchen zu können. Um den Rest kümmern wir uns, wenn wir uns einmal einen Augenblick gefangen haben.“

Die Familie traf sich bei Elenas Schwester. Keiner der Anwesenden schien in der vergangenen Nacht ein Auge zugemacht zu haben. Alle waren kreidebleich und am Ende. Ein Teil der Familie musste schweren Herzens abreisen, da sie von weit her gekommen waren und nun mit den Kindern keine sonderlich große Hilfe sein würden. Sie wollten es den Kindern ersparen, noch mehr leiden zu müssen und würden sich zuerst um die Versorgung des Nachwuchses kümmern. Sobald das getan war, wollten sie zurück kommen und ihren Eltern in irgendeiner Art und Weise behilflich sein. Elena verstand das und stimmte dem zu. Immerhin konnten sie im Moment nichts tun, da zuerst einmal der Fall untersucht, Versicherungen kontaktiert und Unterkunftsmöglichkeiten gefunden werden mussten. Der Abschied war herzzerreißend und schwer.

In den darauffolgenden Nächten schlief Elena sehr schlecht. Jedes kleine Geräusch weckte sie aus ihrem leichten Schlaf und sie hatte Angst, erneut von einem Feuer überrascht zu werden. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes ein Nervenbündel. Thomas, der ansonsten Ruhigere der beiden schaffte es nicht, auch nur eine Minute still sitzen zu bleiben. Zum Essen hatte er keine Lust und um sich zu beruhigen, fing er an Bier in sich hinein zu schütten. Erst ein paar Tage nach dem Brand hatte er verstanden, was da eigentlich passiert war und er wusste nicht, ob er in seinem Alter noch die Kraft besaß, von vorne anfangen zu können…..

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