FINITALIA – Welten prallen aufeinder


(Monolog: Leseprobe aus dem Theaterstück Finitalia)

 

(Raffaele sitzt in der Küche und kreiert eine Komposition für einen Fernsehsender.
Ella spielt und läuft in der Wohnung umher. Esther sitzt auf ihrem Fauteuil und sieht
zum Fenster hinaus. Sie hängt ihren Ängsten und Träumen nach.)
Ohne Arbeit…wie soll das nur gehen? Wo bekommen wir Geld her? Ich hätte es
akzeptieren müssen. Ich hätte einfach still sein sollen und meine Arbeit verrichten müssen.
Aber wie hätte das gehen sollen? Diese ignorante Person hat mich jedes Mal aus dem
Gleichgewicht gebracht. Nichts war ihr gut genug. Alles habe ich falsch gemacht. Einen
Deutschkurs soll ich machen. Ist das zu glauben? Vielleicht bin es ja wirklich ich. Nicht das
System. Ich bin nicht genug. Ich funktioniere nicht. Blödsinn! Ich bin doch kein Schaf, der
dem Schäfer hinterher rennt. Ich habe ein Gehirn. Ich muss meinen Roman fertig
schreiben. Sobald wie möglich. Er wird kein Erfolg werden, aber wer hat das schon mit
einem Erstlingswerk. Ich bin ja jetzt arbeitslos. Ich habe viel Zeit zu schreiben. Aber wenn
die Ideen fehlen? Wenn es nicht gut genug ist? Ich sollte es einfach tun. Ich kann nicht
immer Ausreden suchen. Ich brauch einen Rhythmus. Ich muss zeitig in der Früh
aufstehen, noch bevor die Kleine aufwacht, dann mache ich Kaffee und setz mich an den
Computer. Aber in der Früh bin ich immer so müde. Und wenn mir doch nichts einfällt…
wenn der Roman nicht gut genug ist! Ich muss jetzt was tun, wenn meine Arbeit in
Zukunft Früchte tragen will. Raffaele bemüht sich so, unsere Familie weiter zu bringen. Es
gibt eben keine Arbeit. Nur Sklavenarbeit. Wenn man Arbeit findet, wird man wie ein
Sklave behandelt und fast nicht bezahlt. Verträge gibt es doch schon gar nicht mehr. Es
wäre das Beste, einfach das zu tun, wozu man geboren ist. Unabhängig müsste man sein.
Aber die Kleine braucht doch Essen und Kleidung. Ich könnte darauf verzichten, aber
unsere Tochter doch nicht. Ich will mich dem System nicht fügen. Man ist dort nichts wert. Das kann doch nicht der Sinn meines Daseins sein. Raffaele ist so begabt. Er hätte es
verdient weit zu kommen. Nicht weil ich seine Frau bin, sondern weil er wirklich weiß was
er tut. Er hat Geschmack. Aber wir haben eben kein Geld, um unsere Arbeiten verbreiten
zu können. Man braucht Geld, um sich einen Namen machen zu können, oder man muss
zumindest jemanden kennen, dann braucht man auch nicht mal gut zu sein, indem was
man macht. Es gibt aber auch Menschen, die es von ganz allein geschafft haben. Ohne
Geld, ohne Hilfe. So möchte ich sein. So sollten wir sein. Aber es ist so schwierig. Wenn
ich nicht gut genug bin? Die Kleine braucht doch zu essen. Wir reißen uns den Arsch auf
und einige Nachbarn hier zahlen nicht einmal die Miete. Sie bekommen Vergünstigungen,
obwohl sie nicht arbeiten wollen. Kleine Arbeiten für den Besitzer machen die im
Erdgeschoß und wir? Wir zerbrechen uns jeden Monat den Kopf, wie wir die Miete zahlen
sollen. Ich hätte den Mund halten müssen. Ich ruiniere unsere Familie. Ich glaube aber,
dass wir es schaffen können. Ist doch so oder? Zuerst muss man tief hinabsinken. Dann
erst kommt der Erfolg. Wenn es nicht mehr geht, kommt der Erfolg. Ich muss mir
Arbeitszeiten für zuhause festlegen. Die Kleine kommt doch bald in den Kindergarten.
Dann hab ich endlich einmal die Möglichkeit fokussiert zu arbeiten. Manchmal glaube ich,
dass alles unnötig ist. Weg müssen wir gehen. Hier haben wir keine Zukunft. Aber zurück
nach Österreich? Ich weiß nicht. Ortsgebunden wären wir ja nicht, aber ob es in der Heimat so viel besser zugeht? Jammern tuns ja überall. Aber zurück nach Wien? Ich kann mir das nicht vorstellen. Das wäre zu nahe am Elternhaus. Wir sollten unsere Träume
vorantreiben. Und weg von hier. Aber wir brauchen einen Plan…und Geld. Woher
bekommen wir Geld? Die Miete steht demnächst an. Raffaele hat nun wenigstens den
kleinen Auftrag vom Fernsehsender. Aber was wird das abwerfen? Die versuchen doch
auch nur so wenig wie möglich zu bezahlen.
(Sie hört Geschrei und das Geräusch von geworfenen Gegenständen, die zu Boden fallen)
Na servas! Die sind ka Schas. So ein asoziales Pack. Wir müssen woanders hin. Ich will
nicht, dass mein Kind in so einer Gegend aufwächst. Was heißt Gegend. Hier ist es schön.
Inmitten der Natur…die Vögel…die Ruhe. Aber die da unten? Ich weiß nicht, die sind nicht
normal. Ob die schon jemals ein Buch in der Hand gehabt haben? Glaub nicht. Das Kind
ist doch jetzt schon geschädigt. Ich will nicht, dass der mit meinem Kind spielt. Sie lernt
doch erst. Es ist schon abenteuerlich genug, dass sie zweisprachig aufwächst….asozial
muss sie nicht sprechen lernen. Nein…wir müssen hier weg. Ich muss mich dazu aufraffen
und meinen Roman fertig schreiben. Ich muss daran glauben. Ich will nicht als Sklave der
Gesellschaft enden…
(Ihre Gedanken werden unterbrochen. Ella sitzt in der Küche auf dem Boden und
weint)
Ella (nagt an dem Ohr ihres Teddybären): Mammaaaa…Mamm mamm…

Advertisements

5 Gedanken zu “FINITALIA – Welten prallen aufeinder

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s