Der Wille, die Idee und das Glück / 1


Simona drückte ihrem Mann Frank die gemeinsame Tochter auf. „Es ist einfach alles so schwierig.“, schluchzte sie und versuchte sich ihre Tränen aus den Augen zu wischen. Für ein paar Meter spazierten sie stumm nebeneinander her, nur ihre Tochter Elisa gluckste fröhlich vor sich hin. Sie befanden sich in einem Naturpark, unweit des Stadtzentrums indem sie wohnten. Es war eine Flucht in die Natur, ohne Smartphone und Laptop, ohne dem üblichen Kampf ums Überleben.
Elisa war ein lebhaftes Kind und es war nicht immer einfach mit der Kleinen fertig zu werden. Die Familien der beiden lebten zu weit weg, als das sie eine aktive Hilfe darstellen konnten und so kämpften sich Simona und Frank gemeinsam durch den Alltag. Ab und zu war es Simona jedoch zu viel und sie brach in Tränen aus, wie auch an diesem Nachmittag.
Die Vögel zwitscherten und die Blätter der Bäume verfärbten sich allmählich in ein tiefes Rot und ein warmes Gelb. Der Herbst war gekommen und schon bald würde die feuchte Kälte auf das Gemüt schlagen. Elisa spielte mit dem heruntergefallenen Laub und war ganz in ihre unschuldige Welt versunken. Simona beobachtete abwesend ihre kleine Tochter beim Spielen. Sie wollte ihr eine gute Zukunft bieten können und all das geben, was sie zum Leben brauchte, doch ihre Situation war nicht die beste. Es gab keine Arbeit. Die Krise hatte ihre Spuren hinterlassen. Die Situation am Arbeitsmarkt war trostlos, wie ein grauer, kalter Wintertag im Dezember und dennoch mussten sie sehen, wie sie vorankamen. Frank versuchte die kleine Familie als Musiker über Wasser zu halten. Er hatte in seinen jüngeren Jahren, gegen seine Überzeugungen, das Konservatorium absolviert. Er wusste, dass es nicht einfach werden würde, sich damit über Wasser halten zu können, denn die Musikbranche war ein hartes Pflaster und nicht all zu selten half es, wenn man ein Vitamin B besaß. Für einige Jahre verdiente er sein Geld als Musiklehrer in einer Privatschule, doch auch dort ist die Krise schon zu spüren. Die Schüler blieben aus und somit gab es fast nichts mehr für ihn zu tun. Ab dem nächsten Monat würde er ohne Job dastehen und trotzdem seine Familie ernähren müssen. Simona kam aus der Tourismusbranche. Eigentlich dachte sie, dass der Tourismus immer funktionieren würde, doch als Mutter war sie ziemlich unflexibel und konnte nicht von einem Ort zum nächsten reisen. Ihr Literaturstudium hatte sie geschmissen, nachdem sie erfuhr, dass sie schwanger war. Sie konnten es sich nicht leisten beides zu finanzieren – Kind und Universität. Einige wenige Rücklagen hatten sie noch, doch diese reichten nicht ewig. Nicht einmal für drei Monate, wenn sie nicht sparsam damit umgingen.
Als sie sich der Natur hingaben und die kühle Luft in ihren Lungen Einzug erhielt, versuchten sie sich aufzumuntern und das Positive an der Situation zu sehen. „Weißt du Simona. Wir fragten uns immer, wann es der richtige Zeintpunkt wäre das zu tun, was wir schon immer wollten. Ich meine, ich möchte meine eigenen Projekte vorantreiben und du, du könntest dich deiner Leidenschaft – der Literatur – widmen. Was haben wir denn noch zu verlieren?“ Simona dachte über Franks plötzlichen Euphorieausbruch nach und fand, dass er gar nicht so unrecht damit hatte. „Es kümmert sich niemand um uns. Ich meine, wir müssen zusehen unseren Lebensunterhalt zu verdienen und wenn wir schon ohne Festanstellung sind, dann starten wir doch unsere Projekte. Es wird nicht einfach werden, aber wenn wir den Schritt nicht wagen, dann wissen wir nie, was aus unseren Träumen werden könnte.“ Nach den letzten Wochen, in denen es nur schlechte Nachrichten hagelte, fühlte sich Simona zum ersten Mal wieder beflügelt. Mit neuer Energie packten sie Elisa und spazierten lachend zum Auto zurück.
Mit tausenden Ideen im Kopf, setzte Simona Elisa auf den Rücksitz. Sie bemerkten erst gar nicht, dass etwas nicht stimmte. Als Simona ihrer Tochter die Wasserflasche aus der Windeltasche geben wollte, konnte sie die Tasche erst gar nicht finden. „Ach du Scheiße!“, schrie Frank. „Das darf doch nicht wahr sein. Mist, Mist, Mist!“ Frank schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn und bewegte sich einen Schritt vom Auto weg. Simona verstand im ersten Moment gar nicht was los war. Sie sah ihren Mann und dann das Auto an und plötzlich schien sich der Boden unter ihren Füßen zu bewegen. „Nein, das darf nicht wahr sein!“ Völlig unter Schock, versuchten Simona und Frank die Fassung zu bewahren. „Alles weg! Ich glaubs nicht.“ Den Tränen nahe hielt sich Simona an der Autotür fest. Ihr ganzes Hab und Gut war weg. Gestohlen, von einem Moment auf den anderen. Frank musste nach dem Spaziergang zur Schule, um einige Privatstunden zu halten, also brachte er sein ganzes Gitarrenequipment mit sich. Doch nun war nichts mehr vorhanden. Gitarre, Lautsprecher und Kabel, im Wert von 2000 Euro, alles weg. „Was sollen wir jetzt nur tun? Wir haben kein Geld um neues Equipment zu kaufen. Wie soll ich nun meine Projekte vorantreiben? Es ist alles aus.“ Kraftlos sank Frank auf den Fahrersitz und stützte seinen Kopf am Lenkrad ab. Simona fehlten ebenso die Worte, denn gerade hatten sie hohe Ausgaben gehabt, um ihren alten Wagen, einen 97er Opel Corsa, reparieren zu lassen. Es war zum Verzweifeln. Frank musste einen klaren Gedanken fassen, doch das war nicht einfach, denn am Rücksitz begann sich Elisa allmählich zu beschweren. Sie weinte und kreischte und nichts konnte sie beruhigen und doch mussten sie sich zuerst um die gestohlen Dinge kümmern. Frank startete das Auto und deutete Simona sich hin den Wagen zu setzen. Mit großer Wut im Bauch fuhr er los und nahm die Straße zum Polizeipresidium, um eine Anzeige zu machen. Er wusste, dass es nicht viel bringen würde, doch immerhin war es im Moment das einzige, was er tun konnte.
Sie waren nicht die einzigen am Kommisariat, die eine Anzeige wegen Diebstahls aufgeben wollten. Fünf Personen hatten bereits eine gemacht und nun wartete der sechste, dass er an die Reihe kam. Der Mann war mitte fünfzig und schien mindestens so verzweifelt wie Frank und Simona zu sein. Er trug Sportkleidung und telefonierte gerade mit seiner Frau. „Sperr‘ die Tür zu und verriegel sie mit der Kette. Sie haben auch meinen Schlüssel mitgenommen. Ich bin so schnell ich kann bei dir.“ Als er aufgelegt hatte, sank er kraftlos auf den Stuhl, der im Wartezimmer neben der Bürotür platziert war. „Hatten Sie ihr Auto auch beim Naturpark geparkt?“, fragte Frank neurgierig. „Ja, ich geh dort drei Mal die Woche Joggen und noch nie ist mir so etwas passiert. Sie haben meine Geldbörse mit allen Bankverbindungen und meinen Wohnungsschlüssel gestohlen. Ich kanns einfach nicht glauben.“
Nach einer halben Stunde Wartezeit, öffnete sich endlich die Bürotür. Ein hochgewachsener Mann, mitte vierzig, in Polizeiuniform stand in der Tür und sah zu Frank und seiner Familie hinüber. „Sind sie auch wegen einer Diebstahlsanzeige hier?“, fragte der Beamte sichtlich genervt. „Ja.“ „Dann kommen sie bitte.“ Das Büro war einfach gehalten und mit Möbeln aus den 70ern möbliert. Der Computer schien ebenso ein Relikt aus vergangen Tagen zu sein. Soviel zu den Steuergeldern. Hier flossen sie wohl nicht ein. Simona und Frank nahmen vor dem Schreibtisch platz. Elisa war bereits in den Armen ihrer Mutter eingeschlafen. Gott sei Dank. Noch mehr Stress konnten sie nun wirklich nicht gebrauchen. Frank erzählte alles was er wusste und beschrieb haargenau das Aussehen seiner Gitarre. „Wissen sie, die Leute können diese nicht einmal gut verkaufen. Wer würde denn auf so einer modifizierten Gitarre spielen? Die Gitarre war einmal eine Klassische, doch nun hat sie eine siebente Basssaite und ist verstärkt. Hier ich hab auch ein Foto. Sie ist schon ziemlich abegnutzt, weil das eigentlich mein Arbeitsgerät war. Ich weiß gar nicht was ich jetzt machen soll.“ „Sie hätten nichts im Auto lassen sollen. Soviel dazu, aber wenn ich Sie damit beruhigen kann, Sie sind nicht der einzige, dem es heute so erging.“ „Ja danke, das hilft wirklich.“, antwortere Frank sarkastisch. Immer wieder rutschte er nervös auf dem Stuhl hin und her. Er versuchte sich zu beruhigen, doch seine Existenz hing am seidenen Faden. „Herr Winter, wir werden dem natürlich nachgehen und sollten wir etwas finden, werden wir uns mit Ihnen in Verbindung setzen. Eine Sache könnten Sie jedoch noch tun. Sehen Sie sich die Onlineanzeigen an. Ab und zu werden gestohlene Dinge auf diversen Seiten verkauft. Vielleicht haben Sie ja Glück.“ Damit verabschiedete sich die Familie und ging wortlos zu ihrem Auto zurück.

Die finanzielle Situation schien aus dem Ruder zu laufen. Nicht einmal wenn sie wollten, konnten sie irgendeinem Job nachgehen. Es gab nichts. Zig Lebensläufe hatte Simona weggeschickt. Sie hatte sich  unteranderem als Putzfrau oder Abwäscherin beworben, aber nichts. Es war nun wirklich Zeit, sich auf sich selber zu konzentrieren, um aus dieser Situation zu entkommen. Den Kopf in den Sand zu stecken half wohl nichts und mit einem Kind an der Seite kam das schon gar nicht in Frage. Frank war am Boden zerstört. So kannte Simona ihren Mann eigentlich nicht. Sie hatte keine Ahnung, wie es nun weiter gehen sollte, doch sie wusste, dass nicht beide den Kopf hängen lassen konnten. Er war immer für sie da gewesen. Wenn sie verzweifelt war, hatte er alles daran gesetzt, die Situation zu verbessern. Nun lag es an ihr. Irgendwo musste man ja beginnen, also brachte sie Elisa für ihr Nachmittagsschläfchen ins Bett und suchte dann alles zusammen, was sie nicht mehr brauchten, um es verkaufen zu können. „Wenigstens kann man so ein paar Euro dazu verdienen. Die Kleine braucht frisches Obst und Gemüse. Sobald das Zeug verkauft ist, holen wir einen schönen Einkaufskorb voll Lebensmittel. Wir essen einfach weniger, dass Elisa genug hat. Immerhin sind wir schon ausgewachsen.“ Simona ging an Frank vorbei und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und verschwand im Wohnzimmer. „Wir machen das Schatz. Lass jetzt bloß den Kopf nicht hängen.“ „Ja, wenn du das sagst. Aber so in Not sind wir auch nicht, dass wir Diät halten müssen.“, murmelte er vor sich hin und war froh, dass wenigstens einer von beiden nicht gewillt war aufzugeben.
Die folgenden Wochen waren ein harter Kampf. Neben der Eigenrecherche, um das gestohlene Zeug zurück zu bekommen, kümmerten sich Frank und Simona um ihre Tochter und den Haushalt und versuchten zu Elisas Schlafenszeiten verschiedene Einkommensquellen zu starten. Frank stürtzte sich in seine Welt der Komposition und versuchte an seine frühere Leidenschaft anzuknüpfen, während Simona ihren Traum als Schriftstellerin verwirklichen wollte. Es war eine Utopie zu glauben, dass sie nun in kürzerster Zeit all ihre Probleme lösen konnte und doch fühlte sie sich in ihrem Gefühl bestärkt, sich hinzusetzen und etwas zu kreiren, das sie glücklicht machte. Wenn schon die Realität nicht das war, was sie sich vom Leben erwartet hatte, dann würde es für sie einen anderen Weg geben, dieses Glück zu erreichen…
FORTSETZUNG FOLGT

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