Ein Ende mit Schrecken…?!


brand

Elena stand in der Küche und bereitete das Essen für den Heiligen Abend vor. Die Küche war klein und überfüllt mit allerlei leckeren Speisen. Endlich würde die ganze Familie wieder zusammen sein. Es waren Jahre vergangen, seit sie und ihr Mann alle fünf Kinder und deren Ehepartner und Enkelkinder gesehen hatten. „Es wird kein ruhiges Weihnachten geben. Es wird laut und chaotisch sein, aber das ist es wert.“, dachte Elena. Ihr Mann Thomas bemühte sich den Weihnachtsbaum so gerade wie möglich zu platzieren, sodass seine Frau nichts zu meckern hatte und begann dann mit dem Aufputz. Er dachte dabei an die neugierigen Kinderaugen seiner Enkel, wenn es im Raum ganz dunkel wurde und die Lichter am Baum heller leuchteten, als der hellste Stern am Himmelszelt. Für ihn war das das schönste Geschenk, dass er in diesem Jahr erhalten konnte.
Nachdem Elena und Thomas das ganze Haus auf Vordermann gebracht hatten, war es inzwischen spät Abends geworden und beide sanken erschöpft auf der Couch nieder. „Was denkst du, Thomas. Werden sich alle wohl fühlen?“ „Aber klar doch meine Liebe. Unsere Kinder sind doch auch froh, dass wir es endlich geschafft haben, Weihnachten alle unter einem Dach verbringen zu können.“ Mit diesen Worten kuschelten sie sich aneinander, und schliefen vor dem Kamin ein.

Am nächsten Morgen taten den beiden alle Knochen weh. „Ach du meine Güte. Wir sind hier auf der Couch eingeschlafen.“, stellte Elena fest. „Wir sind doch keine zwanzig mehr, um das zu überstehen.“ lachte sie.
Nachdem das Ehepaar dann gefrühstückt hatte, organisierten sie die letzten Schritte für das Fest und warfen sich am späten Nachmittag in ihre Festtagskleidung.
Als sich das Haus nach und nach füllte, kehrte eine gewisse Wärme in Elenas und Thomas‘ Heim ein. Die Enkelkinder liefen im ganzen Haus umher und die Erwachsenen saßen um den großen Festtagstisch herum, plauderten über dies und das und die warmherzige Weihnachtsdeko brachte den letzten Schliff an festlicher Stimmung ins Haus. Es gab reichlich zu essen und zu trinken. Der Festtagsbraten war groß und knusprig und die Süßkartoffeln harmonierten fantastisch dazu. Elena hatte Unmengen an leckeren Keksen gebacken und dieses Jahr fand sogar eine Weihnachtstorte ihren Platz an den Tisch.
Nach dem Essen und kurz bevor die Kleinsten der Familie ins Bett gingen, überreichten sich die Geschwister und die Eltern, aber auch die Kinder, die jeweiligen Präsente. Dieses Jahr gab es so richtig viele Geschenke unter dem Baum. Spielzeug, Wollsocken, Bücher, Selbstgemachtes…alles was das Herz begehrte. Für die größeren der Enkelkinder waren sogar Smartphones dabei. „Danke Oma und Opa.“, würden die Enkelkinder rufen und sich mit den neuen Geschenken sofort ins Wohnzimmer begeben um zu spielen. Die jüngsten der Familie wurden dann ins Bett manövriert und die Erwachsenen genehmigten sich auf der Terrasse einen schönen, warmen Eierlikörpunsch. Alles schien perfekt zu sein. Die Familienzusammenführung war ganz gut gelungen. Niemand wollte so recht daran glauben, überhaupt nach den letzten Jahren, in denen die Geschwister fast nur miteinander stritten und Elena und Thomas ihre Kinder nie gemeinsam zu Gesicht bekamen. Dieses Weihnachten schien es anders, es schien alles überwunden zu sein. Endlich!

Als sich dann auch der Rest der Familie in die Schlafzimmer verzupfte, blieb Elena einen Moment lang vor dem Bett stehen. „Was ist los?“, fragte Thomas eher abwesend. „Kommst du nicht ins Bett?“ „Hier stimmt etwas nicht. Hörst du das auch? Sag bloß nicht, dass die Katzen das restliche Weihnachtsessen verputzen.“ sagte Elena etwas genervt und ging in Richtung Esszimmer, dass gleich neben der Küche lag. Sie schaltete das Licht ein und drehte sich zur Küchentür um. Sie hörte ein knistern und ein knacken und dachte, dass sie vielleicht eine Katze eingesperrt hatte. „Ach, die werden jetzt sicher das ganze Essen angeknabbert haben.“ Elena öffnete die Schiebetür zur Küche und erstarrte vor dem was sie sah. Vor ihren Augen ragte ein loderndes Feuer von der Kochplatte hinauf zum Dunstabzug und zog sich links und rechts an den Küchenregalen entlang. Sie stieß einen lauten Schrei aus, doch hatte Schwierigkeiten sich zu bewegen. Sie wusste, wenn sie nicht sofort reagierte, würde dieses Weihnachten sehr schlecht für sie alle enden. Mit Tränen in den Augen lief sie ins Schlafzimmer zurück und schrie Thomas entgegen, dass er sofort das Haus verlassen müsse. „Es brennt! Thomas es brennt. Ich weiß nicht was ich tun soll. Es ist alles voll Rauch und die Flammen werden immer größer!“ Thomas nahm sein Mobiltelefon und Elena schrie in Angst und Panik um das Leben ihrer Enkelkinder und Kinder. Die Erwachsenen versuchten die Kleinsten zu packen und sofort aus dem Haus zu laufen. Einer der Schwiegersöhne nahm das Handy aus Thomas‘ Hand und rief die Feuerwehr an. Thomas versuchte seine Frau dazu zu bringen sofort das Haus zu verlassen, denn der Rauch wurde immer stärker und das Atmen wurde langsam aber doch unmöglich. Die Kinder weinten und schrien in Panik. Die größeren versuchten sich alleine zu retten und liefen in ihrem Nachtgewand auf die kalte Straße hinaus. Mittlerweile hatten sich die Flammen auf das halbe Haus ausgebreitet. Die Deckenleuchten explodierten und fielen zu Boden, sodass es keine Möglichkeit mehr gab, noch irgendetwas im Haus erkennen zu können. Der Sauerstoff, der zur offenen Eingangstür eindrang, verstärkte die Flammen, die sich immer schneller auf das ganze Gebäude ausbreiteten und Thomas hatte Probleme, über den Hauptausgang das Haus zu verlassen. Nachdem er seine Frau Elena dazu gebracht hatte hinaus zu laufen und sich versichert hatte, dass alle Kinder und Enkelkinder in Sicherheit waren, ist er noch einmal ins Haus gelaufen, um das kleine Kätzchen Valentino zu retten. Er dachte, dass die älteren Katzen bereits von alleine aus der Feuerhölle geflüchtet waren, als er Valentino verloren im Esszimmer sitzen sah. Nun war es jedoch für beide zu spät aus den Flammen zu entkommen. Es gab kein Licht mehr und die Hitze wurde unerträglich. Der Rauch erschwerte es ihm zu atmen und nach und nach kamen Teile der Decke herunter. „Wenn ich nicht bald hier raus komme, dann ist es aus mit mir.“, dachte Thomas als er versuchte sich tief unter dem Rauch zu bewegen. Er kroch mit der Babykatze unterm Arm auf das Wohnzimmer zu. Die Tür war geschlossen und es dürfte noch nicht so viel Rauch eingedrungen sein. Fensterscheiben zersprangen in den Räumen, in denen es bereits voll brannte und er fühlte sich immer weniger in der Lage, ungehindert zu atmen. Thomas öffnete schnell und mit seinen letzten Kraftreserven die Wohnzimmertür und kroch hastig hinein. Die Luft dort drinnen war noch etwas besser, aber er konnte sich nicht darauf verlassen hier sicher zu sein. Das Haus könnte jeden Moment einstürzen und die Flammen machten auch vor keiner Holztür halt. Zumindest nicht für lange Zeit. Er stieß den von ihm dekorierten Weihnachtsbaum um, um an die dahinterliegende Terrassentür zu gelangen…

Vor dem Haus weinten die Kinder und die Erwachsenen versuchten ruhig zu bleiben. Niemand verstand was da gerade geschah. Sie sahen die lodernden Flammen, die aus dem Fenster brannten und die Fensterscheibe zum zerspringen brachten. Kleine Explosionen aus dem Inneren, waren wie einzelne Stiche in Elenas Herz. Sie wusste nicht was mit Thomas passiert war und sie konnte nicht mehr ins Haus zurück, um nach ihm zu sehen. Ihre älterste Tochter musste sie mit aller Kraft zurück halten, damit sie keine Dummheiten machte. Es war eisig kalt, doch niemand schien die Kälte zu spüren. Vor fünf Minuten hatten sie die Feuerwehr gerufen und doch schien bereits eine Stunde vergangen zu sein. Als die Feuerwehr kam, ging dann alles ganz schnell. Die herabgefallenen Rollos mussten mit Äxten zerschlagen werden, um den Männern Zutritt verschaffen zu können. „Mein Mann…mein Mann ist da noch drinnen!“, schrie Elena verzweifelt und war der Ohnmacht nahe. „Sie müssen ihn raus holen!“ Gerade als sie den Satz beendete, kam eine dunkle Gestalt hinter dem geparkten Feuerwehrauto hervor. Elena schenkte ihr zuerst keine Beachtung, doch als eines ihrer Enkelkinder „Opa“ schrie, wandte sie ihm ihren Blick zu. Mit Tränen in den Augen und ungeheuer erleichtert ihren Mann unverletzt zu sehen, lief sie ihm entgegen. Sie umarmte ihn sofort so fest sie konnte und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Wange. „Thomas!“ schrie sie. „Er ist hier. Mein Mann ist hier. Thomas, es ist eine Tragödie. Wie geht es dir? Bist du Wahnsinnig, dass du nochmal zurück gegangen bist?“ Erst als sie die Frage zu Ende gestellt hatte, sah sie, dass er den kleinen Kater Valentino auf dem Arm hatte. Er miaute leise und Elena machte einen Schritt zurück und schloss ihn sofort in ihre Arme. „Oh Valentino.“ Mit schwachen Knien begaben sie sich zum Rest der Familie und konnten nichts anderes tun, als Ohnmächtig der Feuerwehr bei den Löscharbeiten zuzusehen.
Nach einer dreiviertel Stunde waren dann die Flammen endlich gelöscht und man konnte keine berstenden Glasscheiben, oder fallende Luster mehr hören. Alles war verbrannt. Sie wussten nicht, ob sie noch etwas in ihrem Besitz hatten, außer der Kleidung die sie am Leib trugen, oder nicht. Während die Löscharbeiten weiter gingen, kamen die Nachbarn auf die Familie zu, um ihnen Decken und warme Getränke anzubieten. An Elena ging alles wie in Zeitlupe vorbei und doch nahm sie dankend jede Hilfe an.
Es dauerte über eine Stunde, bis die Arbeiten am Haus beendet waren, und doch schien es eine Ewigkeit gedauert zu haben. „Wie bist du da bloß nur raus gekommen?“, frage Elena matt und ausgelaugt. „Als ich dich hinaus geschickt habe, wollte ich mich vergewissern, dass wir es alle geschafft haben. Da habe ich dann Valentino im Esszimmer sitzen gesehen. Er war vollkommen orientierungslos und ich konnte ihn nicht verbrennen lassen. Da habe ich ihn mir geschnappt, bin ins Wohnzimmer gelaufen und über die Terrassentür in den Garten geflohen. Es war auch höchste Zeit, denn der Rauch verbreitete sich sehr schnell und im Dunkeln war es nicht leicht etwas zu erkennen. Na ja und vom Garten um das Haus herum zu gehen, braucht halt auch noch seine Zeit.“, erklärte Thomas hustend. Er hatte viel Rauch eingeatmet und Anzeichen schwarzen Rußes waren auf den Lippen sichtbar. „Aber jetzt bist du da und ich kann dir gar nicht sagen wie erleichtert ich bin dich zu sehen. Ich dachte schon, ich hätte dich verloren.“ Als Thomas nach einigen Minuten immer noch nicht aufhörte zu husten, brachte sie ihn in einen der bereitstehenden Krankenwagen. Er ließ sich durchchecken und hoffte bald in ein Bett zu kommen. Er war ausgelaugt und verzweifelt.
Die Nacht verbrachten sie dann aufgeteilt bei Freunden und Verwandten, doch niemand machte in dieser Nacht ein Auge zu.

Am nächsten Morgen borgte sich Elena ein paar Kleidungsstücke ihrer Schwester aus und gab ein paar ihres Schwagers ihrem Mann Thomas. Sie wollten ihr Haus unbedingt bei Tageslicht in Augenschein nehmen. Sie wussten nicht wie hoch der Schaden war, was wirklich passiert war und wie es nun weiter gehen würde. Das Ausmaß der Katastrophe von gestern Nacht, wollten sie trotzdem unbedingt sehen. In der Nacht war alles so schockierend schnell gegangen und im Kopf überschlugen sich die Ereignisse.
Schaulustige fuhren bereits, seit den frühen Morgenstunden, an dem verbrannten Haus vorbei, doch das kümmerte das Ehepaar nicht sonderlich. Sie hatten gerade ihr ganzes Hab und Gut verloren, ihr Lebenswerk, dass sie sich mit eigenen Händen aufgebaut hatten, war zerstört. Schon am Gartenzaun schaffte es Elena nicht die Tränen zurück zu halten. Thomas nahm sie an die Hand und Elena hakte sich bei ihrem Mann ein. Langsam gingen sie in Richtung Eingangstür, oder zumindest das was von ihr noch übrig war. Geschockt schnellte Elenas Hand vor ihren Mund und sie musste einen Augenblick ihre Augen schließen. Thomas legte ihr die Hand um die Schultern und betrat mit ihr das, was einmal ihr Zuhause gewesen war. Die Feuerwehrleute hatten ihnen das OK gegeben, die ehemalige Wohnstätte betreten zu können, aber sie durften nicht all zu lange darin verbringen. Die giftigen Dämpfe waren überall und schon beim hinein gehen, trat ihnen ein stechender, chemischer Gestank entgegen. Alles war verkohlt. Schwarz. Die Einrichtung sah beinahe wie eine alte Theaterkulisse aus. Die Möbelstücke waren teils verbrannt und teils waren sie verkohlte Hüllen ihrer selbst. Sobald man sie anfasste, gingen sie zu Boden. Die halbe Decke des Hauses hatte sich gelöst und so wackelten sie auf den Trümmerteilen von einem Raum in den nächsten. Am Boden verstreut fanden sie abgebrannte Fotos, die durch die Löscharbeiten und die Entfernung des Materials, aus den Möbeln gefallen waren. Das Esszimmer und die Küche waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Nur die Räume, bei denen die Türen geschlossen waren, haben das Unglück augenscheinlich überstanden. Das Wohnzimmer, aus dem sich Thomas retten konnte, war beinahe so geblieben, wie er es verlassen hatte. Nur der Weihnachtsbaum lag umgestoßen am Boden.
In die mitgebrachten Reisetaschen, packten sie all die Kleidung, die sie mitnehmen konnten. Sogar die Dokumente und einige Schmuckstücke, aus verschiedenen Generationen der Familie, hatten überlebt. „Wenigstens haben wir noch Kleidung und unsere Wertsachen.“, sagte Elena kaum hörbar. Sie schien in dem Moment um Jahre gealtert. Sie konnte an nichts anderes denken, als an all die Zeit, in der ihre Kinder noch hier lebten. All das würde jetzt nur mehr in ihren Köpfen weiter existieren. Es gab ja nicht einmal mehr Fotos.
Als sie die Sachen, die sie mitnehmen wollten, gepackt hatten, machten sie sich kraftlos auf, das Haus zu verlassen. „Wie soll es nun weiter gehen?“, fragte Thomas als er sich ein letztes mal zu dem Haus umdrehte. „Ich weiß es nicht Thomas. Aber jetzt müssen wir erst einmal sofort die Kleidung waschen, dass der giftige Rauch verschwindet. Die Feuerwehrleute haben mir gesagt, dass es mit jedem weiterem Tag schwieriger wird, die Sachen noch gebrauchen zu können. Um den Rest kümmern wir uns, wenn wir uns einmal einen Augenblick gefangen haben.“

Die Familie traf sich bei Elenas Schwester. Keiner der Anwesenden schien in der vergangenen Nacht ein Auge zugemacht zu haben. Alle waren kreidebleich und am Ende. Ein Teil der Familie musste schweren Herzens abreisen, da sie von weit her gekommen waren und nun mit den Kindern keine sonderlich große Hilfe sein würden. Sie wollten es den Kindern ersparen, noch mehr leiden zu müssen und würden sich zuerst um die Versorgung des Nachwuchses kümmern. Sobald das getan war, wollten sie zurück kommen und ihren Eltern in irgendeiner Art und Weise behilflich sein. Elena verstand das und stimmte dem zu. Immerhin konnten sie im Moment nichts tun, da zuerst einmal der Fall untersucht, Versicherungen kontaktiert und Unterkunftsmöglichkeiten gefunden werden mussten. Der Abschied war herzzerreißend und schwer.

In den darauffolgenden Nächten schlief Elena sehr schlecht. Jedes kleine Geräusch weckte sie aus ihrem leichten Schlaf und sie hatte Angst, erneut von einem Feuer überrascht zu werden. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes ein Nervenbündel. Thomas, der ansonsten Ruhigere der beiden schaffte es nicht, auch nur eine Minute still sitzen zu bleiben. Zum Essen hatte er keine Lust und um sich zu beruhigen, fing er an Bier in sich hinein zu schütten. Erst ein paar Tage nach dem Brand hatte er verstanden, was da eigentlich passiert war und er wusste nicht, ob er in seinem Alter noch die Kraft besaß, von vorne anfangen zu können…..

brand1

Advertisements

2 Gedanken zu “Ein Ende mit Schrecken…?!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s